Sinnlichkeit in frühen Kulturen – Lust, Körper und Lebensfreude

Sinnlichkeit in frühen Kulturen hinterließ schon vor Zehntausenden von Jahren sichtbare Spuren – in Darstellungen von Körpern, Geschlechtsmerkmalen und Sexualität.

Tiere und abstrakte Zeichen beherrschen die vorgeschichtliche Bildwelt. Doch auch der nackte menschliche Körper und Geschlechtsorgane wurden immer wieder deutlich dargestellt; selbst sexuelle Handlungen finden sich vereinzelt.

Körper, Lust und Sexualität in der Altsteinzeit

Die Vulva seit 37.000 Jahren ein sichtbares Zeichen

Neben den bekannten weiblichen Figurinen finden sich bereits im Jungpaläolithikum zahlreiche Zeichen, die als Darstellungen der Vulva interpretiert werden. Besonders viele sind aus Südwestfrankreich bekannt.

Einige der ältesten stammen aus dem Abri Castanet im Vézère-Tal und sind rund 37.000 Jahre alt

Die Zeichen wurden in Felswände und Decken eingeritzt, als Relief herausgearbeitet, gemalt oder mit den Fingern in weichen Untergrund gezeichnet.

Die Vulva als Zeichen: Paläolithische Darstellungen, die als Vulven interpretiert werden, konnten sehr unterschiedlich aussehen – von ovalen und dreieckigen Formen bis zu stark abstrahierten Zeichen. Ihre genaue Bedeutung ist unbekannt. Moderne Rekonstruktionszeichnung: José-Manuel Benito Álvarez, Wikimedia Commons, Public Domain. 2012.

Häufig sind sie stark vereinfacht: ovale, rundliche, dreieckige oder eingekerbte Formen, teilweise mit einer Linie oder Vertiefung in der Mitte.

Deshalb ist nicht bei jedem Zeichen eindeutig beweisbar, dass tatsächlich eine Vulva gemeint war.

Solche Motive sind über weite Teile des europäischen Jungpaläolithikums nachweisbar, mit einem deutlichen Fundschwerpunkt in Frankreich und weiteren Funden auf der Iberischen Halbinsel.

Was sie bedeuteten – Weiblichkeit, Sexualität, Geburt, Fruchtbarkeit, Lust oder etwas ganz anderes –, wissen wir nicht.

Quelle: 🔗 Randall White et al.: Context and dating of Aurignacian vulvar representations from Abri Castanet, France, PNAS

Prähistorische Vulva-Symbole: Bereits in der prähistorischen Kunst finden sich stark vereinfachte Zeichen, die als Darstellungen des weiblichen Genitals interpretiert werden. Die schematische Übersicht zeigt typische Grundformen und macht zugleich deutlich, warum die Deutung einzelner Zeichen nicht immer eindeutig ist. Grafik: Wikimedia Commons, Public Domain.

 

Könnten die zahlreichen Vulvadarstellungen Ausdruck weiblicher Sexualität gewesen sein?

Könnten die zahlreichen Vulvadarstellungen Ausdruck weiblicher Sexualität gewesen sein?
Im Jungpaläolithikum finden sich zahlreiche Zeichen und Darstellungen, die als Vulven oder weibliche Genitalien interpretiert werden. Ihre Bedeutung kennen wir nicht. Sie ausschließlich mit Fruchtbarkeit und Mutterschaft zu erklären, ist ebenso eine Interpretation. Könnten Vulven auch für weibliche Lust, sexuelles Begehren oder die sexuelle Kraft von Frauen gestanden

Könnte weibliche Lust für uns vor allem deshalb unsichtbar sein, weil wir die Zeichen falsch lesen?
Vulven wurden lange fast automatisch mit Fruchtbarkeit, Geburt und Mutterschaft verbunden. Doch eine Vulva ist zugleich ein Sexualorgan. Könnten moderne Deutungen weibliche Sexualität auf Fortpflanzung reduziert haben, während männliche Phalli viel selbstverständlicher als sexuelle Zeichen erkannt wurden? haben?

Was, wenn diese Menschen Sexualität gar nicht in unsere späteren Kategorien von Scham, Sünde und vorgeschriebenen Geschlechterrollen einordneten – sondern nackte Körper, Vulva, Phallus und sexuelle Vereinigung selbstverständliche Bestandteile ihrer Lebenswelt waren?

Der erigierte Phallus im Bild

Neben den bekannten weiblichen Figurinen gibt es überraschend deutliche männliche Sexualdarstellungen. 

Eine systematische Untersuchung der europäischen Kunst des Jungpaläolithikums fand unter 702 vollständigen menschlichen Darstellungen 74, die aufgrund von Penis bzw. Skrotum als männlich eingeordnet wurden. Be

Bei 27 davon ist eine Erektion dargestellt. Außerdem existieren plastisch gearbeitete Phallen aus Stein, Knochen oder Geweih. 

Eine weitere Untersuchung erfasste mindestens 60 mobile Kunstobjekte mit möglicher Phallusform. 42 davon stuften die Autoren als eindeutige männliche Genitalformen ein – alle im erigierten Zustand.

Quelle:

🔗 Angulo & García-Díez (2009), Urology, DOI 10.1016/j.urology.2009.01.010; Angulo et al. (2011), The Journal of Urology, DOI 10.1016/j.juro.2011.07.077.

Foto: Grotta dell’Addaura, Sizilien: Die jungpaläolithischen Gravuren zeigen eine ungewöhnlich dynamische Gruppe unbekleideter Männer. Bei mehreren Figuren sind die männlichen Genitalien deutlich dargestellt; die beiden zentralen Figuren werden in der Forschung als ithyphallisch, also mit erigiertem Penis, beschrieben. Die Bedeutung der Szene ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Abgebildet ist eine Museumsreplik der Felsgravuren. Foto: Bjs / Wikimedia Commons, CC0 1.0 (Public Domain).

Sinnlichkeit in frühen Kulturen – jungpaläolithische Gravuren der Grotta dell’Addaura mit unbekleideten Männern und dargestellten Genitalien

Könnten Phalli mehr als männliche Fruchtbarkeit symbolisiert haben?

Auch erigierte Phalli wurden dargestellt und sogar als dreidimensionale Gegenstände gefertigt. Könnten solche Objekte nicht nur Fruchtbarkeitssymbole gewesen sein, sondern ebenso Sex, Lust und körperliches Vergnügen dargestellt haben?

Gibt es sogar Darstellungen sexueller Handlungen?

Eine Fachpublikation über männlich-phallische Darstellungen des Jungpaläolithikums beschreibt neben erigierten Penissen auch Darstellungen von Kopulation sowie mögliche Darstellungen männlicher Masturbation und Gegenstände, die möglicherweise zur Masturbation verwendet wurden. Bei diesen Deutungen ist allerdings Vorsicht geboten: Die dargestellten Handlungen sind nicht in allen Fällen eindeutig interpretierbar.

Quelle:

🔗 Duhard: The theme of female representations during the European Upper Palaeolithic

Sinnlichkeit in frühen Kulturen – durchbohrter Stab aus Rentiergeweih mit zwei Phallusdarstellungen aus der Höhle von Abzac

Sexualität vor rund 19.000 bis 14.000 Jahren: Dieser durchbohrte Stab aus Rentiergeweih aus der Höhle von Abzac in der Dordogne ist mit zwei Phallusdarstellungen gestaltet – ein außergewöhnlich deutliches Zeugnis dafür, dass Sexualorgane bereits im Jungpaläolithikum Eingang in die Kunst fanden. Foto: Marie-Lan Nguyen (Marie-Lan Tay Pamart), Wikimedia Commons, CC BY 4.0.

Könnten manche phallischen Gegenstände tatsächlich sexuell benutzt worden sein?

Einige Objekte erinnern aus heutiger Sicht verblüffend an Dildos; das Stück aus Abzac besitzt sogar zwei phallische Enden. Ob solche Gegenstände jemals zur sexuellen Stimulation verwendet wurden, lässt sich archäologisch kaum nachweisen. 

Aber: Könnten manche von ihnen nicht nur Symbole, sondern auch Sexspielzeuge gewesen sein?

Sinnlichkeit in frühen Kulturen – rund 11.000 Jahre alte Figur der Liebenden von Ain Sakhri beim Geschlechtsverkehr

 Frühe Jungsteinzeit

 

Die Liebenden von Ain Sakhri, um 9000 v. Chr.: Zwei Menschen sind so eng miteinander verschlungen, dass ihre Körper zu einer einzigen Form zu verschmelzen scheinen – eine der ältesten bekannten Darstellungen eines Liebesakts. Das Geschlecht der beiden Personen ist nicht eindeutig erkennbar. Foto: Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Auch nach dem Ende der Altsteinzeit verschwand Sexualität nicht aus den bildlichen Darstellungen. Um 9000 v. Chr. entstand mit den „Liebenden von Ain Sakhri“ eine außergewöhnlich intime Darstellung zweier Menschen beim Geschlechtsverkehr.

Phallische Darstellungen sind ebenfalls aus dieser Übergangszeit bekannt; Jahrtausende später finden sich auch in frühen bäuerlichen Kulturen wieder Darstellungen, die sexuell interpretiert werden.

 

 

Könnte Sex als lustvolle Begegnung dargestellt worden sein?

Die rund 11.000 Jahre alten Liebenden von Ain Sakhri zeigen zwei eng miteinander verschlungene Menschen und werden häufig als sexuelle Vereinigung interpretiert. Auffällig ist, dass keine der beiden Figuren eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Könnte hier nicht Fortpflanzung, sondern die körperliche Vereinigung selbst im Mittelpunkt stehen?

Mesopotamien – Sexualität wird zur Sache des Gesetzes

Ab etwa 3200 v. Chr. entstehen in Mesopotamien Schriftquellen. Jahrhunderte später überliefern sie – neben vielen weiteren Regeln für das tägliche Leben – erstmals detaillierte Regeln darüber, wer mit wem sexuelle Beziehungen haben durfte, wann Geschlechtsverkehr als Ehebruch galt und welche Strafen bei Verstößen drohten. Damit können wir erstmals nicht nur sehen, wie Menschen Sexualität darstellten, sondern auch, wie Gesellschaften sie regelten.

Insgesamt wurde die Sexualität von Frauen viel strenger reglementiert als die von Männern. Ebenso wurden Vergehen von Frauen gegen die Regeln viel strenger bestraft – oft mit dem Tod.

Welche Sexualregeln sind tatsächlich überliefert?

Wichtig vorweg: Wir besitzen keinen vollständigen Gesetzeskatalog für ganz Mesopotamien. Die erhaltenen Texte stammen aus unterschiedlichen Städten, Reichen und Jahrhunderten. Es handelt sich eher um Rechtssammlungen und Fallregeln als um moderne umfassende Gesetzbücher. Die folgende Chronologie umfasst die wichtigsten erhaltenen Vorschriften, die unmittelbar Sexualität, Ehebruch, sexuelle Gewalt oder sexuelle Partnerschaften betreffen.

Um 2400 v. Chr. – Lagasch: Frau mit zwei Ehemännern

Um 2400 v. Chr. begegnet uns in sumerischen Rechtstexten erstmals eine drastische Vorschrift gegen eine Frau, die zwei Männer heiratet: Sie sollte gesteinigt werden. Ob daraus geschlossen werden kann, dass Polyandrie zuvor allgemein üblich war, ist umstritten.

Quellen: Samuel Noah Kramer: *The Sumerians – Their History, Culture, and Character* (1963)

Um 2100 v. Chr. – Gesetze von Ur-Nammu

Hier werden sexuelle Beziehungen schon sehr konkret geregelt.

Eine verlobte bzw. rechtlich bereits einem Mann zugeordnete Frau, die freiwillig mit einem anderen Mann schläft, kann getötet werden; der Mann, mit dem sie Sex hatte, bleibt nach der erhaltenen Bestimmung straffrei.

Wenn dagegen ein Mann eine noch jungfräuliche, bereits einem anderen Mann versprochene Frau sexuell zwingt bzw. vergewaltigt, soll der Täter sterben.

Quelle: 🔗 Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI): *Laws of Ur-Namma* – Originaltext und Übersetzung

Um 1930 v. Chr. – Lipit-Ištar: Ehefrau, zweite Frau und Prostituierte

Die Gesetze des Lipit-Ištar zeigen ebenfalls, dass männliche Sexualität nicht grundsätzlich auf eine einzige Frau beschränkt war.

Wenn die Ehefrau keine Kinder bekam und eine Prostituierte einem Mann Kinder gebar, musste er diese Frau mit Nahrung und Kleidung versorgen; ihre Kinder konnten seine Erben sein. Die Prostituierte durfte jedoch nicht gemeinsam mit der rechtmäßigen Ehefrau im Haus leben, solange diese lebte.

Wenn die erste Ehefrau schwer erkrankte oder gelähmt war, durfte der Mann eine zweite Ehefrau nehmen, musste aber weiterhin für die erste sorgen.

Das zeigt: Eine strikt symmetrische Monogamie für Frau und Mann gab es hier nicht. Für Männer waren unter bestimmten Voraussetzungen weitere sexuelle bzw. eheähnliche Beziehungen ausdrücklich vorgesehen.

Quelle: 🔗 Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI): Laws of Lipit-Ištar, §§ 27–28 – Originaltext und Übersetzung

Um 1750 v. Chr. – Hammurabi

Die Gesetze wurden ausführlicher und erweitert. Es gab Gesetze über Inzest und den Ehemann in Kriegsgefangenschaft. Auffallend war, dass gleichgeschlechtliche Sexualität nicht erwähnt wurde. Es kann nur vermutet werden, ob er eventuell nicht strafbar war, weil er nicht zu Nachwuchs führte.

Eine Frau der Ehebruch vorgeworfen wurde, wurde sie dem Flussordal unterworfen. Das bedeutet, dass sie in den Fluss geworfen wurde – überlebte sie, so galt sie als unschuldig. Für einen ehebrecherischen Mann galt diese Strafe nicht.

 

Mittelassyrische Gesetze – etwa 14.–11. Jahrhundert v. Chr.

Hier werden die Regelungen nochmals erheblich strenger und greifen besonders stark in weibliche Sexualität und sozialen Status ein.

Ehebruch: Die Strafe für die Frau konnte sich daran orientieren, was ihr Ehemann mit ihr tun wollte; entsprechende Sanktionen trafen auch ihren Sexualpartner.

Vergewaltigung: Die Gesetze unterscheiden ausdrücklich zwischen Vergewaltigung und einvernehmlichem Sex mit einer unverheirateten jungen Frau. Die Regelungen sind aus heutiger Sicht besonders brutal: In einem Fall konnte als Vergeltung die Ehefrau des Täters vergewaltigt werden.

Einvernehmlicher vorehelicher Sex: Auch dieser war nicht einfach Privatangelegenheit; Zahlungen an den Vater und Entscheidungen des Vaters über die Tochter konnten folgen.

Prostitution und Verschleierung: Prostituierte durften keinen Schleier tragen. Ehefrauen, Witwen und bestimmte freie assyrische Frauen mussten sich dagegen in der Öffentlichkeit verschleiern. Eine Prostituierte, die sich dennoch verschleierte, konnte mit 50 Stockschlägen und Pech auf dem Kopf bestraft werden. Der Schleier markierte damit ausdrücklich den sozialen und sexuellen Status einer Frau.

Und gleichgeschlechtliche Beziehungen? 

MAL A §19 behandelt die falsche Beschuldigung, ein Mann lasse sich regelmäßig von anderen Männern sexuell penetrieren.

MAL A §20 sieht eine drastische Strafe vor, wenn ein Mann einen sozial gleichgestellten anderen Mann anal penetriert: Der Täter soll selbst penetriert und anschließend kastriert werden. 

Neuere Forschung interpretiert die Vorschrift eher im Zusammenhang mit sozialem Rang, männlicher Ehre und der Erniedrigung eines gleichgestellten freien Mannes. Andere gleichgeschlechtliche Beziehungen werden nicht allgemein verboten.

Quelle: 🔗 Bruce Wells: *It’s about Masculinity, Not Homosexuality* – zu den mittelassyrischen Gesetzen über Sex zwischen Männern

Stele des Codex Hammurabi mit Keilschrift – frühe schriftliche Regeln zu Ehe und Sexualität in Mesopotamien

Codex Hammurabi, 18. Jahrhundert v. Chr.: Mit der Schrift werden erstmals detaillierte gesellschaftliche Regeln für uns greifbar. Die Stele enthält unter anderem Vorschriften zu Ehe, Ehebruch und sexueller Gewalt. Original im Louvre, Paris. Foto: Rmashhadi / Wikimedia Commons, Public Domain.

Ägypten – Liebe, Lebensfreude und weibliche Selbstständigkeit

Während mesopotamische Rechtstexte die Sexualität verheirateter Frauen stark an die Ansprüche des Ehemannes banden, besaßen Frauen in Ägypten eine bemerkenswert eigenständige Rechtsstellung. Sie konnten Eigentum besitzen, Verträge schließen und sich scheiden lassen. Gleichzeitig zeigen Kunst und Literatur eine Kultur, in der Schönheit, Musik, Tanz, Liebe und körperliches Begehren sichtbar zum Leben gehörten.

Nakht und Tawy bei einem Festmahl im alten Ägypten – Darstellung von Kleidung, Schmuck und Lebensgenuss

Lebensgenuss im alten Ägypten: Nakht und seine Frau Tawy bei einem Festmahl, um 1400 v. Chr. Die Grabmalerei aus Theben-West zeigt aufwendig geschmückte Kleidung, Speisen und Getränke. Grab des Nakht (TT52), 18. Dynastie. Bild: Wikimedia Commons, Public Domain.

Liebe und Begehren

Aus dem Neuen Reich, besonders aus der Ramessidenzeit (ca. 1295–1070 v. Chr.), sind ägyptische Liebesgedichte erhalten, in denen Frauen und Männer erstaunlich unmittelbar von Verliebtheit, körperlicher Schönheit und sexuellem Verlangen sprechen. Die Liebenden wünschen sich Nähe, beschreiben den Körper des anderen und vergleichen die Geliebte etwa mit Blumen, Früchten oder Honig. Manche dieser Gedichte wurden vermutlich gesungen.

Ein Liebender beschreibt seine Sehnsucht beispielsweise sinngemäß so:

„Wenn ich sie sehe, werde ich gesund.“

Liebe erscheint darin geradezu als körperlicher Zustand: Die Abwesenheit der geliebten Person macht krank, ihre Nähe heilt. Auch Hathor, die Göttin der Liebe und Sexualität, wird in diesen Gedichten angerufen, damit sie das Begehren der geliebten Person weckt.

Quelle: 🔗 Metropolitan Museum of Art: *Romance along the Nile – Ancient Egyptian Love Poetry*

Ehe – und die Freiheit, wieder zu gehen

Eine ägyptische Ehe erforderte offenbar keine bestimmte staatliche oder religiöse Zeremonie, durch die zwei Menschen unauflöslich miteinander verbunden wurden. Entscheidend war vor allem, dass ein Paar als gemeinsamer Haushalt zusammenlebte. Schriftliche Vereinbarungen regelten insbesondere Vermögen, Versorgung und die wirtschaftlichen Folgen einer Trennung.

Bemerkenswert für die persönliche Freiheit: Sowohl die Frau als auch der Mann konnten eine Ehe beenden. Nach einer Scheidung waren beide frei, erneut zu heiraten. Scheidung war gesellschaftlich möglich und scheint nicht mit einer starken Stigmatisierung verbunden gewesen zu sein.

Quelle: 🔗 Institute for the Study of Ancient Cultures, University of Chicago: Demotic „Marriage“ Papyrus – Ehe, Scheidung und Wiederheirat

Außereheliche Beziehungen – missbilligt, aber nicht wie in Babylon bestraft

Außereheliche sexuelle Beziehungen galten durchaus als moralisches Fehlverhalten und konnten Konflikte innerhalb der Gemeinschaft hervorrufen. Erhaltene ägyptische Dokumente zeigen, dass solche Beziehungen nicht einfach gesellschaftlich gleichgültig hingenommen wurden.

Auffällig ist jedoch der Vergleich mit Mesopotamien: Die überlieferten Sanktionen wegen Ehebruchs waren in Ägypten im Allgemeinen erheblich weniger schwer als etwa im babylonischen Recht

Die Quellen aus der Arbeitersiedlung Deir el-Medina zeigen außerdem Männer wie Frauen als Beteiligte an unerlaubten Beziehungen. 

Quelle: 🔗 Pnina Galpaz-Feller: *Private Lives and Public Censure: Adultery in Ancient Egypt and Biblical Israel*, Near Eastern Archaeology 67 (2004), DOI 10.2307/4132377

Altägyptische satirische Szene mit festlich gekleideter Frau, Musikant und weiteren Figuren

Sinnlichkeit im alten Ägypten: 

Der Turiner erotisch-satirische Papyrus verbindet explizite Sexualität mit humoristischen und lebensfrohen Szenen. Die hier gezeigten Ausschnitte stammen aus einer historischen Kopie des altägyptischen Originals aus der Ramessidenzeit.

Kopie Ippolito Rosellini zugeschrieben, 1825–1850, Musée du Louvre. Bilder: Musée du Louvre – Verwendung gemäß den Nutzungsbedingungen der Louvre Collections. Bildquelle: 🔗 Musée du Louvre – historische Kopie des Turiner erotischen Papyrus

Historische Kopie des Turiner erotischen Papyrus mit einer Frau und einem Mann in einer expliziten sexuellen Szene

Was das Schweigen der Rechtsquellen bedeuten könnte

Erstaunlicherweise sind Mord, schwere Körperverletzung und Vergewaltigung in den erhaltenen ägyptischen Rechtsakten kaum dokumentiert. Ägypten hinterließ gleichzeitig eine außerordentlich umfangreiche schriftliche Überlieferung über Verwaltung, Eigentum, Verträge und private Rechtsstreitigkeiten.

Es könnte daher naheliegen zu überlegen, ob schwere Gewaltdelikte vergleichsweise selten waren oder anders behandelt wurden als alltägliche Rechtsstreitigkeiten. Für Letzteres gibt es einen wichtigen Anhaltspunkt: Die Ägyptologin A. G. McDowell erklärt die Lücke damit, dass viele der erhaltenen Rechtsdokumente private Aufzeichnungen waren, die vor allem für spätere Eigentums- und Vermögensstreitigkeiten aufbewahrt wurden. Bei einer Gewalttat bestand ein solcher Grund zur dauerhaften Aufbewahrung häufig nicht.

Quelle: 🔗 A. G. McDowell: *Village Life in Ancient Egypt: Laundry Lists and Love Songs*, Kapitel „Law“, Oxford University Press

Der griechische Geschichtsschreiber Diodor von Sizilien berichtet im 1. Jahrhundert v. Chr. über ägyptisches Recht: Ein Mann, der der Vergewaltigung einer freien Frau überführt worden sei, habe mit der Entmannung bestraft werden sollen

Griechenland – Körperkult und Lebenslust, doch sexuelle Freiheit vor allem für Männer

1. Der nackte Körper wird zum Ideal

Nacktheit wird in Griechenland außergewöhnlich sichtbar. Vor allem der männliche Körper erscheint bei Athleten, Göttern und Heroen selbstverständlich nackt und wird zum Ausdruck von Schönheit, Jugend und Kraft. Weibliche Nacktheit tritt später stärker hervor. Aphrodite verkörpert Schönheit, Liebe und sexuelles Begehren – Sexualität und erotische Anziehung haben damit sogar eine eigene Göttin.

Aphrodite von Knidos – nackte Darstellung der griechischen Göttin der Liebe, Schönheit und des sexuellen Begehrens

Der weibliche Körper als Schönheitsideal: Aphrodite von Knidos, nach einem Werk des Praxiteles aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Die Göttin der Liebe, Schönheit und des sexuellen Begehrens wird vollständig nackt dargestellt – für die monumentale griechische Kunst ihrer Zeit außergewöhnlich. Römische Marmorkopie („Colonna-Venus“), Vatikanische Museen. Bild: Wikimedia Commons, Public Domain.

Antikythera-Jüngling – nackte griechische Bronzestatue eines muskulösen jungen Mannes aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.

Der nackte Körper als Schönheitsideal: Der Antikythera-Jüngling, ca. 340–330 v. Chr., zeigt den idealisierten, athletischen männlichen Körper mit großer Selbstverständlichkeit nackt. Original griechische Bronzestatue, Archäologisches Nationalmuseum Athen. Foto: Gary Todd, CC0 1.0 / Wikimedia Commons.

Männliche Gottheiten verkörpern durchaus Sexualität und Begehren – Min besonders die sexuelle Potenz, Eros das erotische Verlangen. Die umfassende Verbindung von Liebe, Schönheit, Sexualität und teilweise Fruchtbarkeit begegnet uns dagegen besonders prominent bei Inanna/Ishtar, Hathor und Aphrodite.

2. Sexualität wird offen dargestellt

Griechische Vasen zeigen Geschlechtsverkehr, erigierte Penisse, Masturbation und gleichgeschlechtliche Sexualität teilweise sehr direkt. Beziehungen zwischen Männern sind sowohl bildlich als auch literarisch gut belegt. Auch weibliches Begehren gegenüber Frauen begegnet uns beispielsweise in der Dichtung Sapphos. Wichtig bleibt: Was dargestellt wurde, war nicht automatisch für jeden gesellschaftlich erlaubt.

Sex zwischen Frauen und Männern

Die sexuelle Freizügigkeit galt vor allem außerhalb der bürgerlichen Ehe.

Die Ehefrau eines Bürgers sollte den Haushalt führen, legitime Kinder gebären und ihrem Mann sexuell treu sein.

An den männlichen Trinkgelagen (Symposien) nahm sie gewöhnlich nicht teil. Dort konnten Hetären – gebildetere, gesellschaftlich vergleichsweise selbstständige Gefährtinnen – sowie Prostituierte anwesend sein.

Erotische Unterhaltung und sexuelle Kontakte gehörten durchaus zum Umfeld solcher Gelage. Der verheiratete Mann besaß damit sexuelle Freiheiten, die seiner Ehefrau nicht zugestanden wurden.

Sexuelle Szene auf einer griechischen Trinkschale des Triptolemos-Malers, um 470 v. Chr.

Auf dieser griechischen Trinkschale des Triptolemos-Malers, um 470 v. Chr., wird eine sexuelle Handlung ausgesprochen direkt dargestellt. Solche Bilder konnten sich auf Trinkgefäßen befinden, die beim geselligen Zusammensein benutzt wurden. Museo Nazionale Tarquiniense, Tarquinia. Foto: Antonia Mulas, 1978 / Wikimedia Commons, Public Domain.

Erotische Szene zwischen zwei bärtigen Männern auf einer griechischen Trinkschale des Triptolemos-Malers, um 470 v. Chr.

Eine attisch-rotfigurige Trinkschale des Triptolemos-Malers zeigt um 470 v. Chr. eine sexuelle Szene zwischen zwei bärtigen Männern. Solche Bilder fanden sich auch auf Gefäßen, die beim Trinken und geselligen Beisammensein verwendet wurden. Museo Nazionale Tarquiniense, Tarquinia. Foto: Antonia Mulas, 1978 / Wikimedia Commons, Public Domain.

Sex zwischen Männern

Bei Sex zwischen Männern zählte vor allem die gesellschaftliche Rolle: Von einem erwachsenen freien Bürger wurde die aktive sexuelle Position erwartet.

Die passive, insbesondere penetrierte Rolle konnte seine männliche Ehre und seinen Bürgerstatus beschädigen. Beziehungen zwischen älteren Männern und jüngeren männlichen Partnern waren gesellschaftlich etabliert, wobei Schenkelverkehr als akzeptablere Form galt.

Schenkelverkehr bedeutet, dass der Penis zwischen die Oberschenkel des Partners geführt und dort durch Bewegung stimuliert wird – ohne anale Penetration.

Auch Sex mit versklavten Männern kam vor. Versklavte Menschen standen dagegen sozial außerhalb dieser Bürgernormen und waren auch sexuell verfügbar.

Weibliche Lust innerhalb der Ehe

Auch weibliches sexuelles Verlangen wurde wahrgenommen. Griechische medizinische Texte beschäftigten sich mit weiblicher Lust allerdings vor allem im Zusammenhang mit Empfängnis und Schwangerschaft. Schriftliche Belege dafür, dass ein Ehemann seine Frau zum Orgasmus bringen sollte, kennen wir nicht. Eine emotionale und sexuelle Bindung zwischen Ehepartnern konnte jedoch positiv bewertet werden: Xenophon beschreibt etwa, dass ein Mann seine Ehefrau begehren und den Sex mit ihr dem mit einer Sklavin vorziehen sollte.

Ehefrauen und Dildos

Auch der Olisbos – ein Dildo – war bekannt. In Aristophanes’ Komödie Lysistrata (411 v. Chr.) beklagen Frauen, dass ihnen wegen des Krieges nicht nur die Männer fehlen, sondern auch ein Olisbos nicht mehr erhältlich sei. Das ist komisch und satirisch gemeint, zeigt aber, dass die Vorstellung einer verheirateten Frau, die einen Dildo zur eigenen Befriedigung benutzt, durchaus existierte. Wie verbreitet dies tatsächlich war, wissen wir nicht: Die überlieferten Texte stammen überwiegend von Männern und sind häufig satirisch – sie erlauben keinen verlässlichen Einblick in den sexuellen Alltag der Frauen.

 

Quelle: 🔗 Laura McClure: „Courtesans Reconsidered: Women in Aristophanes’ Lysistrata“

Sex zwischen Frauen

Weibliches Begehren nach Frauen ist literarisch belegt, am bekanntesten durch Sappho. Über konkrete sexuelle Praktiken zwischen Frauen wissen wir jedoch erheblich weniger als über Sex zwischen Männern. Auch hier prägt die Überlieferung unser Bild: Fast alle erhaltenen Texte über Sexualität stammen von Männern, und auch öffentliches Leben und Vasenproduktion waren weitgehend männlich geprägt.

Griechische Vase mit nackter Frau und künstlichem Phallus, etwa 490 v. Chr.

Eine nackte Frau mit einem phallischen Objekt auf einer griechischen Vase, um 490 v. Chr. Darstellungen wie diese zeigen, wie selbstverständlich auch sexuelle Motive Eingang in die griechische Vasenmalerei fanden. Petit Palais, Paris. Foto: Sailko / Wikimedia Commons, CC BY 3.0.

3. Sexuelle Freiheit – aber nicht für alle

Die vergleichsweise offene Darstellung von Sexualität bedeutete nicht, dass Frauen und Männer dieselben Freiheiten besaßen. Vor allem im klassischen Athen hing viel davon ab, ob jemand Mann oder Frau, Bürger oder Nichtbürger, frei oder versklavt war.

Ehe und Treue

Die Ehe diente vor allem dazu, legitime Nachkommen und damit Erbschaft und Bürgerstatus zu sichern. Von einer verheirateten Bürgerin wurde sexuelle Treue erwartet. Ein verheirateter Mann hatte dagegen erheblich größere Freiräume: Sex außerhalb der Ehe war für ihn nicht grundsätzlich verboten.

Besonders streng wurde die sogenannte moicheia behandelt. Der Begriff wird häufig mit „Ehebruch“ übersetzt, war aber weiter gefasst als unser heutiger Begriff: Entscheidend war auch der unerlaubte sexuelle Zugriff auf eine Frau, die zum Haushalt eines anderen Mannes gehörte.

Vergewaltigung und Verführung

Das athenische Recht unterschied zwischen erzwungenem Sex und Verführung. Beide konnten verfolgt werden. Auffällig ist jedoch, dass Verführung teilweise als besonders gefährlich für die Familie angesehen wurde: Ein Verführer konnte eine längerfristige Beziehung zur Frau aufbauen und damit die Sicherheit legitimer Abstammung infrage stellen.

Das bedeutet nicht, dass Vergewaltigung als harmlos galt. Die unterschiedliche rechtliche Behandlung zeigt vielmehr, wie stark das Sexualrecht von den Interessen des männlich geführten Haushalts, legitimen Kindern und Erbschaften geprägt war.

Scheidung

Scheidung war grundsätzlich für beide Ehepartner möglich. Ein Mann konnte seine Frau vergleichsweise unkompliziert aus dem gemeinsamen Haushalt entlassen. Eine Frau konnte ebenfalls die Scheidung verlangen, musste dafür in Athen jedoch selbst vor dem zuständigen Archon erscheinen. Da Frauen rechtlich unter einem männlichen Vormund (kyrios) standen, war ihre praktische Handlungsfreiheit geringer.

Gleichgeschlechtliche Sexualität

Sex zwischen Männern war nicht grundsätzlich verboten. Entscheidend waren vielmehr Alter, sozialer Status und die jeweilige sexuelle Rolle. Für einen freien erwachsenen Bürger konnte insbesondere die als passiv verstandene Rolle gesellschaftlich problematisch sein, weil sie mit Vorstellungen männlicher Bürgerwürde kollidierte.

Auch erotisches Begehren zwischen Frauen ist überliefert, besonders in der Dichtung Sapphos. Über gesellschaftliche Regeln für sexuelle Beziehungen zwischen Frauen wissen wir jedoch erheblich weniger. Aus der Quellenlage lässt sich daher keine vergleichbare allgemeine „Erlaubnis“ oder ein Verbot ableiten.

Kurz gesagt: Die Griechen konnten Sexualität ausgesprochen offen darstellen – doch sexuelle Freiheit war kein gleiches Recht für alle. Geschlecht, Bürgerstatus, Alter und gesellschaftliche Stellung bestimmten wesentlich, was akzeptiert wurde und welche Folgen eine sexuelle Beziehung haben konnte.

Quelle: 🔗 David Cohen: Law, Sexuality, and Society: The Enforcement of Morals in Classical Athens, Cambridge University Press, 1991.

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Text

Quelle:

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Wenn die Göttin an Macht verlor, wurde auch die Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung der Frauen eingeschränkt

Der Verlust weiblicher Freiheit verlief parallel zu einem tiefgreifenden Wandel der Götterwelt. In mehreren frühen Kulturen gewannen männliche Götter zunehmend an Macht und Bedeutung, während mächtige Göttinnen zurückgedrängt, untergeordnet oder schließlich aus der offiziellen Religion verdrängt wurden. Zeitlich darauf folgten immer weitergehende gesellschaftliche und rechtliche Einschränkungen für Frauen – besonders einschneidend bei ihrer Sexualität und sexuellen Selbstbestimmung.

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