Weibliche Bildung im 19. Jahrhundert: Lernen mit Grenzen

Weibliche Bildung im 19. Jahrhundert bedeutete keineswegs, dass Mädchen gar nichts lernen durften – entscheidend war vielmehr, was sie lernen sollten und wozu. Während Jungen durch Gymnasien auf Studium, Beruf und ein selbstständiges Leben vorbereitet wurden, sollte die Bildung von Mädchen vor allem ihrer späteren Rolle als Ehefrau, Mutter und Haushaltsführerin dienen.

Auch sogenannte höhere Mädchenschulen boten deshalb nicht die gleiche Ausbildung wie die Gymnasien für Jungen. Unterrichtet wurden zwar Lesen, Schreiben, Fremdsprachen und weitere Fächer, doch der Bildungsweg führte lange nicht zum regulären Abitur und damit auch nicht zur Universität. Bildung für Mädchen durfte bilden – aber sie sollte gesellschaftliche Grenzen nicht infrage stellen.

Dahinter stand die weit verbreitete Vorstellung, Frauen hätten aufgrund ihrer „Natur“ andere Aufgaben und Fähigkeiten als Männer. Doch genau diese vermeintliche Natur wurde zugleich durch eine geschlechtsspezifische Erziehung geprägt: Mädchen lernten von klein auf, welches Verhalten von ihnen erwartet wurde – und welche Möglichkeiten für sie nicht vorgesehen waren.

Stricken statt Bildung? Erziehung zu Fleiß und Gehorsam

Die Erziehung zur „richtigen“ Frau begann früh. Bereits Vierjährige sollten mit dem Strümpfestricken beginnen. Luise Otto-Peters erinnerte sich später daran, dass Stricknadeln und Strickstrumpf für vierjährige Mädchen die erste ernsthafte Arbeit waren – noch vor Lesen und Schreiben.

Wie konkret diese Erziehung organisiert wurde, zeigt die Meiersche Bildungsanstalt für Töchter in Lübeck. Ihre jüngsten Schülerinnen waren gerade einmal drei Jahre alt. Drei- bis Sechsjährige lernten gemeinsam Stricken und Lesen. Erst wenn ein Mädchen lesen und einen Strumpf stricken konnte, durfte es in die nächste Klasse aufsteigen und dort Schreiben und Nähen lernen. Später musste jede Schülerin alle drei Monate ein Paar Strümpfe anfertigen – unabhängig davon, ob ihre Familie diese überhaupt benötigte.

Dabei ging es um weit mehr als eine praktische Fertigkeit. Stundenlanges, gleichförmiges Arbeiten sollte Fleiß, Geduld, Selbstbeherrschung und Pflichterfüllung einüben. Wie viel Lebenszeit das beanspruchen konnte, zeigt die Kindheit der späteren Schriftstellerin Fanny Lewald: Rund fünf Stunden täglich waren für gewöhnliches Nähen und Stricken vorgesehen – zusätzlich zu Klavier- und Schreibübungen.

Auch der Körper wurde diszipliniert. In der Lübecker Töchterschule wurden sechsjährige Mädchen beim Nähen sogar in ein Holzgestell gesetzt, das eine gerade Haltung erzwingen sollte. Still sitzen, die Hände beschäftigen, spontane Impulse kontrollieren: Handarbeit sollte nicht nur etwas herstellen, sondern das Mädchen selbst formen.

So wird verständlich, warum Stricken in der damaligen Mädchenerziehung eine so große Bedeutung hatte. Aus der immer wieder eingeübten äußeren Disziplin sollte schließlich innere Selbstdisziplin werden – und aus anerzogenem Verhalten das, was später als „weibliche Natur“ erschien.

Quelle:

🔗 Ladj-Teichmann, Dagmar (1983): Erziehung zur Weiblichkeit durch Textilarbeiten. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der Frauenbildung im 19. Jahrhundert. Beltz, Weinheim/Basel.

Weibliche Bildung im 19. Jahrhundert: Mädchen beim Handarbeitsunterricht in einer französischen Mädchenschule im Jahr 1890

Richard Hall: „La classe manuelle. École de petites filles“, 1890. Mädchenschule in Le Pouldu, Bretagne. Gemeinfrei / Wikimedia Commons.

Wenn Erziehung zur „weiblichen Natur“ wird

Was als „weibliche Natur“ galt, wurde im 19. Jahrhundert zugleich durch Erziehung gefördert. Mädchen sollten Eigenschaften wie Bescheidenheit, Fürsorglichkeit, Selbstbeherrschung und Pflichterfüllung entwickeln. Ihre Bildung zielte weniger auf individuelle Entfaltung als darauf, sie auf die gesellschaftlich vorgesehene Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau vorzubereiten.

Darin lag ein folgenreicher Kreislauf: Bestimmte Verhaltensweisen wurden von Mädchen erwartet und systematisch eingeübt – und anschließend als Ausdruck ihrer natürlichen weiblichen Eigenschaften verstanden. Die Vorstellung von der „Natur der Frau“ konnte wiederum dazu dienen, unterschiedliche Bildungswege und gesellschaftliche Aufgaben von Frauen und Männern zu rechtfertigen.

Damit wurde gesellschaftlich Erlerntes leicht mit angeborener Fähigkeit verwechselt. Wer von Kindheit an vermittelt bekommt, was er können soll, was ihm nicht zugetraut wird und welche Möglichkeiten für ihn vorgesehen sind, entwickelt sich nicht unabhängig von diesen Erwartungen. Genau diese Wechselwirkung zwischen Zuschreibung, Erziehung und tatsächlichen Möglichkeiten ist für die Frage entscheidend, wer in einer Gesellschaft überhaupt zeigen darf, was in ihm steckt.

Quelle:

🔗 Bundeszentrale für politische Bildung (2025): Zwischen Mündigkeit und Disziplinierung – Mädchen- und Frauenbildung im 18. und 19. Jahrhundert

Weibliche Bildung im 19. Jahrhundert: Kein Abitur, kein Studium

Helene Lange, Frauenrechtlerin und Wegbereiterin der höheren Mädchenbildung, Porträt von 1893

Helene Lange (1848–1930), Pädagogin und Frauenrechtlerin. Sie kämpfte für den Zugang von Mädchen zu höherer Bildung und bereitete mit ihren Gymnasialkursen Frauen auf das Abitur vor.

Mädchen konnten im 19. Jahrhundert durchaus sogenannte Höhere Töchterschulen besuchen. Doch deren Abschluss hatte einen entscheidenden Haken: Er berechtigte nicht zum Studium. Die Gymnasien, die zum Abitur und damit zur Universität führten, waren Jungen vorbehalten. So entstand ein nahezu perfekter Kreislauf: Ohne Gymnasialbesuch kein Abitur – und ohne Abitur fehlte die notwendige Vorbildung für ein reguläres Studium.

Frauen begannen deshalb, eigene Wege zu schaffen. Die Frauenrechtlerin und Pädagogin Helene Lange wandelte 1893 ihre Berliner Realkurse in Gymnasialkurse um, in denen Frauen auf das Abitur vorbereitet wurden. 1896 bestanden die ersten sechs Absolventinnen ihre Abiturprüfung als Externe am Berliner Luisengymnasium. Ebenfalls 1893 wurde in Karlsruhe das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet.

Der Zugang zu höherer Bildung scheiterte damit nicht an mangelnden Fähigkeiten der Frauen. Ihnen fehlte vielmehr über lange Zeit genau der Abschluss, den das Bildungssystem selbst von ihnen verlangte – während es ihnen den regulären Weg zu diesem Abschluss versperrte.

Quelle:

🔗 Bundeszentrale für politische Bildung: Die Entwicklung des Frauenstudiums in Deutschland bis 1945

Mädchen konnten im 19. Jahrhundert durchaus sogenannte Höhere Töchterschulen besuchen. Doch deren Abschluss hatte einen entscheidenden Haken: Er berechtigte nicht zum Studium. Die Gymnasien, die zum Abitur und damit zur Universität führten, waren Jungen vorbehalten. So entstand ein nahezu perfekter Kreislauf: Ohne Gymnasialbesuch kein Abitur – und ohne Abitur fehlte die notwendige Vorbildung für ein reguläres Studium.

Frauen begannen deshalb, eigene Wege zu schaffen. Die Frauenrechtlerin und Pädagogin Helene Lange wandelte 1893 ihre Berliner Realkurse in Gymnasialkurse um, in denen Frauen auf das Abitur vorbereitet wurden. 1896 bestanden die ersten sechs Absolventinnen ihre Abiturprüfung als Externe am Berliner Luisengymnasium. Ebenfalls 1893 wurde in Karlsruhe das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet.

Der Zugang zu höherer Bildung scheiterte damit nicht an mangelnden Fähigkeiten der Frauen. Ihnen fehlte vielmehr über lange Zeit genau der Abschluss, den das Bildungssystem selbst von ihnen verlangte – während es ihnen den regulären Weg zu diesem Abschluss versperrte.

Quelle:

🔗 Bundeszentrale für politische Bildung: Die Entwicklung des Frauenstudiums in Deutschland bis 1945

Der lange Weg an die Universität

Selbst das Abitur öffnete Frauen zunächst nicht automatisch die Türen der Universitäten. Im Deutschen Reich entschieden die einzelnen Bundesstaaten darüber, wer sich regulär einschreiben durfte. Frauen konnten teilweise Lehrveranstaltungen als Gasthörerinnen besuchen – häufig jedoch nur mit besonderer Genehmigung und ohne die gleichen Rechte wie immatrikulierte Studenten.

Den entscheidenden Durchbruch brachte ausgerechnet Baden: Im Jahr 1900 ließ das Großherzogtum als erster deutscher Bundesstaat Frauen regulär zum Studium an seinen Universitäten zu. An der Universität Freiburg gehörte die Medizinstudentin Johanna Kappes zu den Frauen, die sich zuvor energisch für die Immatrikulation eingesetzt hatten. Heidelberg öffnete sich ebenfalls 1900 für Studentinnen. Andere deutsche Staaten folgten erst nach und nach; Preußen, zu dem auch Berlin gehörte, erlaubte Frauen die reguläre Immatrikulation erst 1908.

Innerhalb weniger Jahre wurde damit möglich, was zuvor mit vermeintlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern begründet und institutionell verhindert worden war. Besonders bemerkenswert ist der Blick auf die Gegenwart: Heute erwerben Frauen in Deutschland häufiger eine Hochschulzugangsberechtigung als Männer. Was einst als ungeeignet für akademische Bildung galt, war also keine unveränderliche Grenze weiblicher Fähigkeiten.

Quellen:

🔗 Universität Freiburg: Die erste Studentin Deutschlands – Johanna Kappes und der Beginn des Frauenstudiums

🔗 Universität Heidelberg: Frauenstudium – Zur Geschichte der Studentinnen an der Universität Heidelberg

Oberer Büchersaal der Universitätsbibliothek Freiburg im Jahr 1898

Universität Freiburg, 1898: Rund 1.500 Männer studierten hier bereits – Frauen durften sich noch nicht regulär einschreiben. Das änderte Johanna Kappes: Nachdem sie zunächst nur als Gasthörerin Medizin studieren durfte, beantragte sie die reguläre Zulassung beim Universitätssenat. Nach dessen Ablehnung wandte sie sich an das badische Kultusministerium – mit Erfolg. 1900 wurde sie gemeinsam mit vier weiteren Frauen regulär immatrikuliert. Damit öffnete sich in Baden erstmals in Deutschland der reguläre Universitätszugang für Frauen.

Merah: Wer entscheidet, was Menschen können?

Was geschieht, wenn eine Gesellschaft einer ganzen Gruppe immer wieder erklärt, bestimmte Fähigkeiten lägen schlicht nicht in ihrer Natur? Genau diese Frage stellt Merah – Welt der Frauen mit umgekehrten Vorzeichen.

Auf Merah gilt als unumstößliche Wahrheit: „Ein Mann kann keine Magie.“ Männern wird von klein auf vermittelt, dass ihnen die magischen Fähigkeiten der Frauen fehlen. Entsprechend erhalten sie kaum Gelegenheit, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken oder zu entwickeln. Die gesellschaftliche Ordnung liefert damit scheinbar selbst den Beweis für das, was sie zuvor festgelegt hat.

Die Parallele zur weiblichen Bildungsgeschichte ist bewusst provokant: Auch Frauen wurde über Jahrhunderte erklärt, bestimmte geistige Fähigkeiten, Berufe oder gesellschaftliche Aufgaben entsprächen nicht ihrer „Natur“. Gleichzeitig erschwerte oder verhinderte man den Zugang zu genau den Bildungswegen, auf denen sie das Gegenteil hätten beweisen können.

Wer entscheidet also, was Menschen können – ihre tatsächlichen Fähigkeiten oder die Erwartungen einer Gesellschaft? Und was geschieht, wenn Menschen eine Zuschreibung so oft hören, dass sie schließlich selbst daran glauben?

Heute erzielen Mädchen und Frauen in Deutschland längst sehr erfolgreiche Bildungsabschlüsse und stellen einen großen Teil der Studierenden. Drücken wir den Männern auf Merah die Daumen, dass auch sie eines Tages die Gelegenheit bekommen herauszufinden, was tatsächlich in ihnen steckt.

🔗 Mehr über Merah – Welt der Frauen

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