Sexuelle Belästigung
Sexuelle Belästigung ist deutlich weiter gefasst als das, was in der Polizeilichen Kriminalstatistik erscheint, denn dort werden vor allem strafrechtlich relevante Delikte wie sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe erfasst, während unter sexuelle Belästigung im gesellschaftlichen und arbeitsrechtlichen Sinn auch anzügliche Bemerkungen, unerwünschte Berührungen, sexistische Kommentare, aufdringliche Blicke oder digitale Belästigungen verstanden werden, die häufig unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen, aber dennoch die sexuelle Selbstbestimmung verletzen.
Opfer sind überwiegend Frauen.
Ich verwende dennoch die Kriminalstatistik, weil dort die Daten und Fakten eindeutig und nachweisbar vorliegen.
Laut der polizeilichen Kriminalstatistik 2021 wurden in Deutschland 30.970 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst. Darunter 2.419 Fälle mit männlichen Opfern. Zu 90% sind also Frauen betroffen.
Kleinere Übergriffe, wie anzügliche Blicke oder unangenehme Bemerkungen mit Bezug auf Sex oder Körperlichkeit, wurden in dieser Statistik nicht erfasst. Die Dunkelziffer bleibt hoch, da viele Opfer aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung keine Anzeige erstatten. Tatsächlich sind also viel mehr Frauen von sexueller Belästigung betroffen.
Von den oben genannten 2.419 männlichen Opfern waren 90 % minderjährig. Bei fast 31.000 Straftaten wurden nur ca. 240 erwachsene Männer Opfer. (Auch wenn die Dunkelziffer hier sicher noch viel höher liegt als bei Frauen, bleibt die Anzahl der männlichen Opfer drastisch niedriger.)
Quelle:
Bundeskriminalamt (BKA): Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 –
„Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe“
Stand: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024, Bundesdaten Delikte
Täter sind überwiegend Männer.
Tatverdächtige nach Alter und Geschlecht (2023):
Kinder unter 14: männlich 115, weiblich 5.
Jugendliche 14–18: männlich 1.279, weiblich 17.
Heranwachsende 18–21: männlich 1.102, weiblich 11.
Erwachsene ab 21: männlich 7.648, weiblich 118.
Quelle:
Bundeskriminalamt (BKA): Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 –
„Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe“
Herausgeber: Bundeskriminalamt (BKA), Wiesbaden
Berichtsjahr: 2024
Reihe: Polizeiliche Kriminalstatistik – Bundesdaten Delikte
Häufigkeit von sexueller Belästigung
Studien zeigen: In Deutschland berichten zwischen 50 % und 70 % der Frauen, dass sie im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung erlebt haben – im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz oder in Schule bzw. Hochschule.
Quellen:
Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA): Violence against women survey
Deutsche Shell Jugendstudie
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Studien zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland
🔗 https://fra.europa.eu/en/publication/2014/violence-against-women-eu-wide-survey-main-results-report
🔗 https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie.html
🔗 https://www.bmfsfj.de
Gesellschaftliche Reaktionen
Welche Emotionen lösen die folgenden Kommentare aus, wenn man die genannten Zahlen kennt?
„Ich weiß gar nicht, was du willst! Andere würden sich darüber freuen!“
„Ich fände es heiß, mal belästigt zu werden.“
„Warum ist sie denn dort hingegangen?“
„Ihre Kleidung war schon recht aufreizend!“
Selbst Männer, die sich nicht als übergriffig verstehen, reagieren häufig ablehnend, wenn Frauen sexuelle Belästigung thematisieren. Viele setzen sich nicht mit den zugrunde liegenden Zahlen auseinander. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem Betroffene für ihre berechtigte Angst vor Übergriffen wenig Verständnis erfahren.
Problem 1: Verweigerung von Fakten
Viele Männer relativieren, lenken ab oder reagieren defensiv – statt zuzuhören und die Perspektive der Betroffenen ernst zu nehmen.
Problem 2: Täter-Opfer-Umkehr
Täter-Opfer-Umkehr verhindert Gerechtigkeit.
Sie zeigt sich häufig im privaten Umfeld, etwa wenn gefragt wird, ob Kleidung oder Verhalten eine „Mitverantwortung“ begründe.
Fakt ist: Unsere Verfassung garantiert jedem Menschen das Recht, jederzeit über den eigenen Körper und die eigene Sexualität zu bestimmen.
Egal, was eine Frau trägt.
Egal, wie sie lächelt oder flirtet.
Egal, ob sie zuvor zugestimmt hat.
Sie kann jederzeit Nein sagen.
Problem 3: Die Verantwortung wird Frauen zugeschoben
Von Betroffenen wird erwartet, „einfach Nein zu sagen“.
Damit liegt die Pflicht zu handeln bei der belästigten Person – nicht bei der handelnden Person.
Warum gilt nicht selbstverständlich das Gegenteil?
Jeder Mensch ist verpflichtet, vorab zu klären, ob eine sexuelle Handlung willkommen ist.
Denn:
Wenn die Hand bereits auf dem Körper liegt oder die Bemerkung schon gefallen ist, wurde die Grenze überschritten – und damit das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verletzt.
Was kannst du konkret tun?
Besonders, wenn du ein Mann bist – denn Täter reagieren nachweislich häufiger auf Einwände von Männern als von Frauen:
• Greife ein, wenn jemand sich sichtbar unwohl fühlt.
• Frage die betroffene Person: Fühlt sich das gut für dich an? Möchtest du das?
• Frage den Handelnden: Hast du vorher geklärt, dass sie das will?
• Stelle klar: Kleidung, Flirten oder Zustimmung zu einem Schritt begründen kein Anrecht auf weitere sexuelle Handlungen.
• Jeder neue Schritt braucht erneute Zustimmung – besonders, wenn man sich nicht absolut sicher kennt.
An jeden Mann: Wenn du passiv bleibst, bist du Teil des Problems.
Natürlich gilt das ebenso für Frauen: Auch das Eingreifen jeder Frau ist wichtig und hilfreich.
Bezug zum Roman "Merah - Welt der Frauen"
Im Roman Merah zeigt sich die gesellschaftliche Dynamik sexueller Grenzverletzungen besonders deutlich in der Szene, in der Niall von Creosa belästigt wird. Die Situation ist nicht nur ein individueller Übergriff, sondern spiegelt genau jene Mechanismen wider, die auch in der Realität wirksam sind: Verharmlosung, Wegsehen und das Schweigen der Umstehenden. Entscheidend ist nicht allein das Verhalten des Täters, sondern auch die Reaktion des Umfelds. Wer eingreift, stellt sich gegen Machtmissbrauch. Wer schweigt, stabilisiert ihn. Die Szene stellt damit die Frage nach persönlicher Verantwortung und Zivilcourage – nicht abstrakt, sondern konkret im zwischenmenschlichen Moment.
Mal sehen, ob Sandra und Beate den Mut finden, Zivilcourage zu zeigen – und Niall beistehen.

