Körpersprache und Macht

Körpersprache und Macht zeigen sich oft dort am deutlichsten, wo wir sie am wenigsten hinterfragen: im Alltag, in kleinen Gesten und in dem Raum, den wir uns selbst zugestehen.

Ungleichheit zeigt sich nicht nur in Löhnen oder Gesetzen. Sie beginnt oft im unscheinbaren Alltag: in Haltung, Blicken, Sitzordnung und dem Raum, den Körper einnehmen dürfen. Und große Teile der Forschung kommen zum gleichen Ergebnis: Frauen stehen und sitzen nicht zufällig „niedriger“ – es ist ein strukturelles Muster.

1. Dominanzhaltungen werden Männern zugestanden, bei Frauen sanktioniert

Die Studie „Geschlecht, Körpersprache und Macht“ zeigt, dass dieselbe Geste – z. B. breitbeinig sitzen, aufrechte Brusthaltung, raumgreifende Armbewegungen – bei Männern als „dominant“ und „kompetent“ bewertet wird, bei Frauen jedoch als „unsympathisch“, „arrogant“ oder „unangemessen“.

2. Wer Platz einnimmt, gilt als wichtig – Männer nehmen mehr Platz ein

Eine Meta-Analyse zu Mobilitäts- und Raumverhalten zeigt, dass Männer im öffentlichen Raum durchschnittlich 20–30 % mehr Fläche einnehmen – im Sitzen, Stehen oder Gehen.

Quelle:

🔗 https://arxiv.org/abs/1607.06740

Dieser Raumkonsum wirkt wie ein ständiges nonverbales Signal:
„Ich habe Anspruch.“
Während Frauen oft zurückweichen müssen – physisch und sozial.

Ein aktueller Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung nennt Manspreading „ein Beispiel alltäglicher Machtausübung durch Körper“.

Quelle:

🔗 https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/manspreading

Manspreading bezeichnet das Verhalten, dass Männer im Sitzen übermäßig viel Platz einnehmen – etwa durch weit gespreizte Beine – und damit den Raum anderer einschränken. Es gilt als alltägliches Beispiel dafür, wie sich Macht und Anspruch auch nonverbal im öffentlichen Raum zeigen.

Beispiele:

  • In der U-Bahn sitzt ein Mann mit weit gespreizten Beinen und beansprucht zwei Sitzplätze, sodass die Person neben ihm kaum Platz hat.
  • In einem Wartezimmer nimmt ein Mann durch seine Sitzhaltung so viel Raum ein, dass andere sich enger setzen oder ausweichen müssen.
Eine Frau sitzt breitbeinig und kratzt sich am Kopf, ein Mann brav mit geschlossenen Beinen

3. Warum schränken sich Frauen häufig ein?

Studien aus der Sozialpsychologie zeigen, dass Frauen ihr Verhalten oft unbewusst an soziale Erwartungen anpassen. Dominante oder raumgreifende Körpersprache wird bei ihnen häufiger negativ bewertet – etwa als „arrogant“ oder „unsympathisch“. 

Das Ergebnis:
Um solche Reaktionen zu vermeiden, nehmen viele Frauen weniger Raum ein und verhalten sich zurückhaltender. Frauen schränken sich häufig selber ein, um nicht negativ aufzufallen. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass sie dadurch zur geringeren Sichtbarkeit von Frauen beitragen.

Dieses Muster wird als soziale Sanktionierung von Dominanzverhalten bei Frauen beschrieben.

Quelle:

🔗 Carney, Cuddy & Yap (2010): Power Posing: Brief Nonverbal Displays Affect Neuroendocrine Levels and Risk Tolerance (sowie weiterführende Forschung zu Gender & Körpersprache)
https://www.researchgate.net/publication/275952482

4. Und was können Frauen tun, um mit ihrer Körpersprache ihre Macht zu zeigen?

Ein erster Schritt ist, Raum bewusst einzunehmen:

  1. aufrecht zu sitzen,
  2. die Schultern öffnen,
  3. beide Füße fest am Boden – nicht kleinmachen.
  4. Beim Sprechen stehen bleiben, statt sich sofort zu setzen.
  5. Blickkontakt halten.
  6. Pausen aushalten.
  7. Und sich nicht entschuldigen, weil man da ist.

Körpersprache kann kein Machtverhältnis allein verändern. Aber sie kann das innere Gefühl von Stärke wecken – und im Außen sichtbar machen, dass Frauen nicht weniger Platz brauchen, sondern denselben Anspruch haben.

Frauen in selbstbewussten Posen
Frauen nehmen Raum ein

Warum wirken manche Posen dominant?

Dominante Körperhaltungen signalisieren dem Gegenüber unbewusst Sicherheit, Anspruch auf Raum und Kontrolle über die Situation. Unser Gehirn verknüpft solche Signale automatisch mit Einfluss und Kompetenz – unabhängig davon, ob diese tatsächlich vorhanden sind. Wer sich groß macht, wirkt wichtig. Wer sich klein hält, wird oft übersehen.

Bezug zum Roman "Merah - Welt der Frauen"

Norbert ist völlig vor den Kopf gestoßen, als man von ihm verlangt, sich zu Füßen seiner Ehefrau zu setzen. Für ihn ist diese Haltung eine spürbare Herabsetzung – ungewohnt, unangemessen, nicht selbstverständlich.

Dabei sind solche Unterschiede in Körperhaltung und Sitzordnung historisch keineswegs ungewöhnlich. In vielen Kulturen war es Frauen selbstverständlich verwehrt, gleichrangig zu sitzen: Sie nahmen niedrigere Plätze ein, saßen am Boden, durften nicht mitreden oder wurden ganz ausgeschlossen – sichtbare Zeichen von Rang und Macht.

Was wir heute oft nur noch in kleinen Gesten erkennen, wird für Norbert plötzlich körperlich erfahrbar. Er erlebt zum ersten Mal am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, weniger Raum einnehmen zu dürfen – und er stellt, diese scheinbar Unterschiede vehement in Frage. Was für viele Frauen alltägliche Anpassung ist, trifft ihn plötzlich als sichtbare Einschränkung – und genau deshalb lehnt er sie instinktiv ab.

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