Warum Frauen bis heute oft weniger ernst genommen werden

Die Vorstellung, Frauen seien Männern geistig oder charakterlich unterlegen, entstand nicht zufällig. Über mehr als zweitausend Jahre wurde sie von einigen der einflussreichsten Denker Europas vertreten. Ihre Schriften prägten Religion, Philosophie, Wissenschaft, Erziehung und damit das gesellschaftliche Frauenbild über viele Generationen hinweg.

Die folgenden Beispiele stammen bewusst aus unterschiedlichen Epochen. Sie zeigen, dass die Abwertung von Frauen kein Randphänomen einzelner Personen war, sondern über Jahrhunderte als selbstverständlich galt. Dieses Denken verschwand nicht von heute auf morgen. Vieles davon wirkt – oft unbewusst – bis heute nach.

Selbstbewusste Frau im Vordergrund vor den Silhouetten bedeutender Philosophen und Theologen – Symbol für den bis heute nachwirkenden Einfluss historischer Frauenbilder.

Frauen minderwertig?!

Aristoteles (384–322 v. Chr.)

Einer der bedeutendsten Philosophen der Antike

Aristoteles betrachtete Frauen als Männern von Natur aus unterlegen. In seinem Werk Über die Entstehung der Tiere (De Generatione Animalium) bezeichnete er die Frau als einen „verstümmelten“ oder „misslungenen Mann“ (mas occasionatus bzw. griechisch peperōmenon). Nach seiner Auffassung verfügten Frauen über geringere Fähigkeiten zur vernünftigen Urteilsbildung und seien daher von Natur aus zur Führung durch den Mann bestimmt.

Seine Philosophie wurde über viele Jahrhunderte zum Fundament der europäischen Gelehrsamkeit. Besonders im Mittelalter übernahmen bedeutende Theologen – allen voran Thomas von Aquin – wesentliche Teile seiner Naturlehre. Dadurch verbreitete sich die Vorstellung einer natürlichen Unterordnung der Frau in Philosophie, Theologie und Bildung und beeinflusste nachhaltig, wie weibliche Vernunft, Autorität und Urteilskraft bewertet wurden.

🔹 Quelle: Aristoteles, De Generatione Animalium (Über die Entstehung der Tiere), Buch II, 737a.
🔗 https://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Aristot.+Gen.+An.+2.3.737a

Augustinus von Hippo (354–430)

Einer der einflussreichsten Kirchenväter der Christenheit

Augustinus vertrat die Auffassung, dass die Frau dem Mann vor allem als Hilfe zur Fortpflanzung gegeben wurde. Für andere Aufgaben – etwa als geistige oder praktische Gefährtin – hielt er einen Mann für geeigneter. Er schrieb:

„Ich finde also keine andere Hilfeleistung, für die dem Mann ein Weib erschaffen wurde, wenn nicht die, ihm Kinder zu gebären.“

Mit seiner Auslegung der biblischen Schöpfungsgeschichte prägte Augustinus das christliche Frauenbild nachhaltig. Seine Schriften gehörten über viele Jahrhunderte zu den wichtigsten theologischen Lehrtexten der westlichen Kirche und wurden in Klöstern, Domschulen und später an den Universitäten studiert. Die Vorstellung, Frauen seien in erster Linie für Ehe und Mutterschaft bestimmt und dem Mann untergeordnet, nicht aber als geistige Gefährtin, beeinflusste dadurch das Denken zahlreicher Theologen und Gelehrter des Mittelalter. 

🔹 Quelle: Augustinus, De Genesi ad litteram (Über den Wortlaut der Genesis), Buch 9, Kapitel 5 und 9.
🔗 https://www.augustinus.it/italiano/genesi_lettera/genesi_lettera_09_libro.htm

Isidor von Sevilla (ca. 560–636)

Einer der bedeutendsten Gelehrten des frühen Mittelalters

In seiner Enzyklopädie Etymologiae, dem wichtigsten Nachschlagewerk des Mittelalters, beschreibt Isidor den Mann als den Stärkeren und die Frau als das körperlich Schwächere. Er erklärt sogar die Bezeichnungen vir (Mann) und mulier (Frau) mit den Eigenschaften „Kraft“ beziehungsweise „Weichheit“.

Da die Etymologiae über Jahrhunderte das Standardwerk der Bildung in Klöstern, Domschulen und später an den ersten Universitäten Europas waren, verbreiteten sich solche Vorstellungen weit über Isidors eigene Zeit hinaus. Wenn Frauen bereits als von Natur aus schwächer und dem Mann untergeordnet galten, beeinflusste dies auch, wie ihre Fähigkeiten, ihre Urteile und ihre Autorität wahrgenommen wurden.

🔹 Quelle: Isidor von Sevilla, Etymologiae, Buch XI.
🔗 https://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Isidore/home.html

Gratian (ca. 1080–1145)  

Gratian war Mönch und Jurist. Sein Decretum Gratiani (ca. 1140) wurde zum grundlegenden Lehrbuch des Kirchenrechts und an den entstehenden Universitäten Europas gelehrt.

Er übernahm ältere kirchliche Auffassungen und begründete unter anderem, warum Frauen keine kirchlichen Lehr- und Leitungsämter ausüben sollten und in vielen Bereichen keine gleiche Autorität wie Männer besaßen.

Damit beeinflusste er nicht nur Theologen, sondern auch die Ausbildung von Kirchenjuristen in ganz Europa.

🔹 Quelle: Decretum Gratiani
🔗 https://geschichte.digitale-sammlungen.de/decretum-gratiani/

Thomas von Aquin (ca. 1225–1274)

Bedeutendster Theologe des Hochmittelalters:

„Da die Frau geringere Körper- und Geisteskraft besitzt …“

Thomas von Aquin übernahm die Lehre des Aristoteles, nach der die Frau ein mas occasionatus („misslungener“ oder „fehlgeschlagener Mann“) sei. Mit der Annahme, Frauen besäßen eine geringere Körper- und Geisteskraft, rechtfertigte er unter anderem, weshalb Frauen im mittelalterlichen Kirchenrecht in bestimmten Rechtsangelegenheiten nicht als Zeuginnen zugelassen wurden.

🔹 Quelle: Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I, q. 92, a. 1; historische Einordnung
🔗 https://www.corpusthomisticum.org/sth1091.html

Martin Luther (1483–1546)

„Weibern mangelt es an Stärke und Kräften des Leibes und Verstandes.“

Außerdem berief sich Luther auf den Paulusbrief:

„Ich gestatte einem Weibe nicht, dass es lehre.“

Diese Sichtweise trug über Jahrhunderte dazu bei, Frauen von Bildung und kirchlichen Leitungsämtern auszuschließen.

🔹 Quelle: Martin Luther, Tischreden / Weimarer Ausgabe
🔗 https://www.ibka.org/de/artikel/ag98/frauen.html

Arthur Schopenhauer (1788–1860) 

Einer der einflussreichsten Philosophen des 19. Jahrhunderts

„Der Mann erlangt die Reife seiner Vernunft und Geisteskräfte kaum vor dem achtundzwanzigsten Jahre; das Weib mit dem achtzehnten. Aber es ist auch eine Vernunft danach: eine gar knapp gemessene. Daher bleiben die Weiber ihr Leben lang Kinder.

Schopenhauer sprach Frauen dauerhaft geringere Vernunft und Urteilsfähigkeit zu. Sein Essay Über die Weiber gehörte zu den bekanntesten philosophischen Schriften des 19. Jahrhunderts und wurde über Jahrzehnte verbreitet.

🔹 Quelle: Arthur Schopenhauer – Parerga und Paralipomena II, Kapitel „Über die Weiber“ (1851)
🔗 https://www.projekt-gutenberg.org/schopenh/weiber/weiber.html

 

Otto Weininger (1880–1903)

„Das Weib besitzt kein Ich – das Weib ist das Nichts.“

In seinem Werk Geschlecht und Charakter sprach Weininger Frauen eine eigenständige Persönlichkeit ab. Sein Buch wurde Anfang des 20. Jahrhunderts viel gelesen und beeinflusste zahlreiche zeitgenössische Debatten.

🔹 Quelle: Otto Weininger, Geschlecht und Charakter (1903)
🔗 https://brocku.ca/MeadProject/Thomas/Thomas_1906a.html

Wie die Gedanken der Vordenker Millionen Menschen erreichten

Die hier zitierten Männer waren keine Randfiguren ihrer Zeit. Sie gehörten zu den einflussreichsten Philosophen, Kirchenvätern, Theologen und Gelehrten Europas. Ihre Werke wurden über Jahrhunderte in Klöstern, Domschulen und später an den Universitäten gelehrt und prägten die Ausbildung von Priestern und Theologen. Diese trugen die kirchlichen Lehren in Predigten, im Religionsunterricht und in der Seelsorge an die Bevölkerung weiter. Da die Kirche für viele Jahrhunderte die wichtigste Bildungs- und Autoritätsinstanz Europas war, erreichten diese Vorstellungen nahezu alle Menschen. So verfestigte sich über Generationen hinweg das Bild der Frau als dem Mann untergeordnet – mit der Folge, dass ihre Vernunft, ihre Urteilskraft und ihre Autorität vielfach als geringer angesehen wurden als die des Mannes.

Gesellschaftlicher Wandel braucht Generationen

Gesellschaftliche Überzeugungen verändern sich nicht von heute auf morgen. Vorstellungen, die über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende durch Erziehung, Religion, Bildung und gesellschaftliche Normen weitergegeben wurden, verschwinden nicht automatisch mit neuen Gesetzen. Sie werden oft unbewusst von einer Generation an die nächste weitergegeben und prägen Einstellungen noch lange nach ihrem offiziellen Ende.

Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert begann in Europa, die traditionelle Unterordnung der Frau zunehmend infrage zu stellen. Einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel brachten jedoch vor allem die Frauenbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die schrittweise rechtliche Gleichstellung. Dieser Wandel dauert – gemessen an der langen Geschichte zuvor – erst seit etwa acht bis zehn Generationen an. Dem stehen mehr als zweitausend Jahre gegenüber, in denen die gegenteilige Vorstellung gelehrt, gepredigt und als selbstverständlich angesehen wurde.

Deshalb überrascht es nicht, dass sich manche Denkmuster bis heute erhalten haben. Gesellschaftliche Überzeugungen verschwinden nicht allein durch neue Gesetze – sie verändern sich meist erst, wenn viele Generationen neue Erfahrungen machen und neue Selbstverständlichkeiten entstehen.

Das Muster ist bis heute messbar

  • 🩺 Frauen werden medizinisch häufiger nicht ernst genommen.
  • 💼 Frauen erhalten seltener Anerkennung für dieselbe Leistung.
  • 📰 Männer werden häufiger als Experten zitiert.
  • 🔬 Wissenschaftlerinnen werden seltener zitiert.
  • 🏛 Politikerinnen werden häufiger unterbrochen.
  • ⚖ Betroffenen Frauen wird bei sexualisierter Gewalt häufiger misstraut.

Gemeinsam haben all diese Beispiele eines: Nicht die Fähigkeiten der Frauen unterscheiden sich – sondern die Glaubwürdigkeit und Autorität, die ihnen zugeschrieben wird.

Bezug zum Roman "Merah - Welt der Frauen"

Was Norbert hier zum ersten Mal erlebt, war jahrtausendelang das übliche Schicksal der Frauen unserer Welt. Zeit, der Geschichte weiter zu folgen.

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