Frau am Steuer – warum sich das Vorurteil so hartnäckig hält
Ein Mann würgt beim Anfahren den Motor ab. Er hat einen Fehler gemacht. Eine Frau würgt den Motor ab – und schon heißt es: „Typisch Frau am Steuer.“
Kaum ein anderes Vorurteil über Frauen hält sich so hartnäckig wie die Behauptung, sie könnten schlechter Auto fahren als Männer. Frauen seien unsicher, könnten nicht einparken, hätten keinen Orientierungssinn oder seien technisch weniger begabt. Solche Sprüche begegnen uns in Witzen und sozialen Medien, aber auch ganz beiläufig in Familien und Partnerschaften.
Das Erstaunliche daran: Mädchen kennen dieses Vorurteil oft schon lange, bevor sie überhaupt einen Führerschein besitzen. Sie können also noch gar keine eigene Erfahrung damit gemacht haben, ob Frauen tatsächlich besser oder schlechter fahren. Und trotzdem wissen viele bereits, was angeblich von ihnen zu erwarten ist.
Noch erstaunlicher wird es, wenn man untersucht, was ein solches Vorurteil bewirken kann. Experimente mit Fahrsimulatoren zeigen: Werden Frauen unmittelbar vor dem Fahren daran erinnert, dass Frauen angeblich schlechter fahren, können sie tatsächlich mehr Fehler machen. Das Klischee kann also unter bestimmten Bedingungen dazu beitragen, genau das Verhalten hervorzurufen, das anschließend wieder als Bestätigung des Klischees betrachtet wird.
Woher kommt also das Bild von der „Frau am Steuer“? Wie lernen Mädchen und Jungen es? Was macht es mit dem Selbstvertrauen von Frauen – und sogar mit ihrem tatsächlichen Fahrverhalten? Welche Rolle spielt es in Partnerschaften? Und vor allem:
Was sagen die Fakten – fahren Frauen tatsächlich schlechter als Männer?
Genau das schauen wir uns an.
Woher kommt das Klischee „Frau am Steuer“?

Das Vorurteil entstand praktisch gemeinsam mit dem Automobil. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Frauen selbst Auto fuhren, bedeutete das nämlich weit mehr, als eine neue technische Fähigkeit zu erlernen: Ein Auto machte Frauen unabhängig und mobil.
Plötzlich konnten sie selbst entscheiden, wann sie das Haus verließen, wohin sie fuhren und wann sie zurückkamen. Sie mussten weder gefahren noch begleitet werden. Das passte schlecht zu einer Gesellschaft, in der der Bewegungsradius und die Selbstständigkeit von Frauen wesentlich stärker eingeschränkt waren als die von Männern.
Der amerikanische Historiker Michael L. Berger untersuchte die Entstehung des Klischees „Frau am Steuer“ und kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die abwertenden Geschichten und Witze über Autofahrerinnen entstanden nicht erst, nachdem sich herausgestellt hätte, dass Frauen besonders schlecht fuhren. Vielmehr wurden Frauen schon früh Eigenschaften zugeschrieben, die sie angeblich für das Autofahren ungeeignet machten.
Sie galten als zu emotional, zu wenig technisch begabt oder unfähig, in gefährlichen Situationen schnell und richtig zu entscheiden. Autofahren dagegen wurde mit Eigenschaften verbunden, die traditionell Männern zugeschrieben wurden: technisches Verständnis, Kontrolle, Mut und schnelle Entscheidungsfähigkeit.
Doch Frauen fuhren Auto – und bewiesen damit ganz praktisch, dass sie dazu sehr wohl in der Lage waren.
Damit verschwand das Vorurteil allerdings nicht. Berger argumentiert, dass die Vorstellung von der unfähigen Autofahrerin vielmehr dazu beitrug, weibliche Mobilität lächerlich zu machen und traditionelle Geschlechterrollen zu verteidigen. Das Auto bedrohte nicht nur die Vorstellung davon, was eine Frau können sollte. Es eröffnete ihr einen neuen Bewegungs- und Handlungsspielraum.
Aus einer Frau, die Auto fuhr, wurde deshalb etwas, für das es interessanterweise eine eigene Kategorie gab: die „Frau am Steuer“.
Und mit dieser Kategorie kamen die Witze.
Das Klischee war geboren – und sollte sich als erstaunlich langlebig erweisen.
Wie lernen Mädchen, dass Frauen angeblich schlechter fahren?
Niemand muss einem Mädchen ausdrücklich sagen: „Du bist ein Mädchen, deshalb wirst du später schlechter Auto fahren.“ Geschlechterstereotype werden meist viel subtiler vermittelt.
Kinder beobachten, wer in der Familie meistens fährt. Sie hören Bemerkungen über andere Verkehrsteilnehmerinnen, erleben Witze über die „Frau am Steuer“, sehen entsprechende Darstellungen in Medien und nehmen wahr, welche Eigenschaften Männern und Frauen zugeschrieben werden. Aus vielen solchen kleinen Botschaften entsteht mit der Zeit eine Vorstellung davon, was Frauen und Männer angeblich gut oder schlecht können.
Das Faszinierende daran: Dieses Bild entsteht bereits, bevor Kinder selbst Auto fahren können.
Eine französische Studie untersuchte Vorstellungen über männliche und weibliche Autofahrer bei 10- bis 16-Jährigen. Bereits bei den jüngeren Kindern zeigten sich geschlechtsspezifische Vorstellungen über Autofahrer. Mit zunehmendem Alter entwickelte sich insbesondere das Bild der weiblichen Fahrerin weiter. Die Forschenden sprechen ausdrücklich davon, dass Geschlechterstereotype im Zusammenhang mit Autofahren bereits vor dem eigentlichen Führerscheinalter wirksam sind.
Das ist entscheidend: Ein zwölfjähriges Mädchen kann schließlich noch gar keine eigenen Erfahrungen darüber gesammelt haben, ob es besser oder schlechter fährt als ein zwölfjähriger Junge. Das Urteil ist schon da, bevor die Fähigkeit überhaupt erprobt werden konnte.
Weitere Untersuchungen zeigen, wie unterschiedlich die Bilder aussehen: Mit männlichen Autofahrern werden stärker Fahrkompetenz und Selbstkontrolle verbunden. Bei weiblichen Autofahrerinnen tauchen dagegen Vorstellungen von Inkompetenz, gleichzeitig aber auch von Vorsicht und rücksichtsvollem Verhalten auf.
So kann aus einem gesellschaftlichen Vorurteil allmählich eine Erwartung an die eigene Person werden: Männer können das. Frauen sind dabei eben unsicherer.
Und irgendwann sitzt das Mädchen tatsächlich zum ersten Mal hinter dem Steuer – aber das Klischee sitzt möglicherweise schon neben ihr.
Quellen:
🔗 Geschlechterstereotype über Autofahrer bei 10- bis 16-Jährigen (Transportation Research Part F, 2011)
🔗 Vorstellungen über männliche und weibliche Autofahrer bei Jugendlichen und Erwachsenen (Transportation Research Part F, 2015)

Und wie lernen Männer, dass sie die besseren Fahrer seien?
Das Klischee „Frau am Steuer“ vermittelt nicht nur Frauen eine Botschaft. Wenn Frauen angeblich schlechter fahren, steckt darin automatisch eine zweite Behauptung: Männer können es besser.
Auch Jungen begegnen dieser Vorstellung lange vor dem Führerschein. Autos, Geschwindigkeit und technisches Können werden kulturell stark mit Männlichkeit verbunden. Der gute Fahrer beherrscht sein Fahrzeug, reagiert schnell, kennt sich mit Technik aus und bleibt auch in schwierigen Situationen souverän – alles Eigenschaften, die traditionell eher Männern zugeschrieben werden.
Das kann Auswirkungen auf die eigene Selbsteinschätzung haben. Untersuchungen zu Geschlechterstereotypen beim Autofahren zeigen, dass Männern eher Fahrkompetenz, Fahrzeugbeherrschung und fahrerisches Können zugeschrieben werden. Frauen werden dagegen häufiger mit Unsicherheit oder geringerer Kompetenz, gleichzeitig aber auch mit vorsichtigerem und regelkonformerem Verhalten verbunden.
So entsteht ein interessanter Gegensatz: Frauen können lernen, an ihrem fahrerischen Können zu zweifeln – Männer können lernen, ihr eigenes Können für selbstverständlich zu halten.
Das wäre unproblematisch, wenn Selbstvertrauen automatisch mit tatsächlicher Kompetenz gleichzusetzen wäre. Beim Autofahren ist das jedoch gerade nicht der Fall.
Männer – insbesondere junge Männer – zeigen im Durchschnitt häufiger riskante Verhaltensweisen im Straßenverkehr. Dazu gehören höhere Geschwindigkeiten, aggressiveres Fahrverhalten und eine größere Bereitschaft, Verkehrsregeln zu verletzen. In der Verkehrsforschung wird deshalb untersucht, inwiefern Vorstellungen von Männlichkeit und die Bereitschaft zu riskantem Fahren miteinander zusammenhängen.
Das führt zu einer bemerkenswerten Schieflage: Vorsicht kann als Unsicherheit interpretiert werden, während Risikobereitschaft als fahrerisches Können erscheint.
Wer langsamer einparkt, noch einmal korrigiert oder in einer unübersichtlichen Situation lieber wartet, wirkt vielleicht weniger souverän. Objektiv muss dieses Verhalten aber keineswegs schlechter sein – es kann schlicht vorsichtiger sein.
Damit beeinflusst das Vorurteil möglicherweise nicht nur, wie Frauen und Männer fahren, sondern auch, wie wir dasselbe Verhalten bewerten.
Ein zögerlicher Mann ist ein vorsichtiger Fahrer.
Eine zögerliche Frau? Schnell heißt es wieder: „Frau am Steuer.“
Quellen:
🔗 Hier geben ebenfalls die im vorherigen Abschnitt genannten Studien über Geschlechterstereotype beim Autofahren Aufschluss.
🔗 Geschlecht, Männlichkeit und riskantes Fahrverhalten (Transportation Research Part F, 2013
Wenn ein Vorurteil die Wirklichkeit verändert
Kann allein die Vorstellung „Frauen fahren schlechter“ dazu führen, dass eine Frau tatsächlich schlechter fährt?
Genau das haben Forschende in mehreren Experimenten untersucht. Dahinter steckt ein psychologischer Effekt, der Stereotype Threat – auf Deutsch etwa Bedrohung durch ein Stereotyp – genannt wird.
Gemeint ist damit: Wenn Menschen wissen, dass über ihre Gruppe ein negatives Vorurteil existiert, kann die Sorge, dieses Vorurteil zu bestätigen, zusätzlichen mentalen Druck erzeugen. Aufmerksamkeit und Konzentration werden dadurch beansprucht – ausgerechnet in einer Situation, in der man besonders gut sein möchte.
Beim „Frau am Steuer“-Klischee lässt sich dieser Effekt experimentell beobachten.
In einer Fahrsimulator-Studie von Yeung und von Hippel wurden Frauen vor dem Fahren entweder an das negative Vorurteil über weibliche Autofahrer erinnert oder nicht. Das Ergebnis war drastisch: Frauen unter Stereotype Threat kollidierten mehr als doppelt so häufig mit plötzlich die Straße überquerenden Fußgängern wie Frauen, bei denen das Vorurteil zuvor nicht aktiviert worden war.
In einem zweiten Experiment untersuchten die Forschenden, warum das geschieht. Ihre Ergebnisse sprechen dafür, dass die Beschäftigung mit dem Stereotyp eine zusätzliche mentale Belastung erzeugt. Ein Teil der Aufmerksamkeit wird also von der eigentlichen Fahraufgabe abgezogen.
Eine weitere Studie von Moè, Cadinu und Maass kam 2015 zu einem ähnlichen Ergebnis. Frauen absolvierten wiederum eine Fahrsimulation. Einer Gruppe wurde zuvor gesagt, die Untersuchung solle Geschlechtsunterschiede beim Autofahren erfassen. Damit wurde das bekannte Vorurteil aktiviert.
Diese Frauen machten anschließend etwa doppelt so viele Fehler wie Frauen in den Vergleichsbedingungen.
Besonders interessant war noch etwas anderes: Unter dem Einfluss des Stereotyps hing die Erwartung der Frauen, schlecht abzuschneiden, tatsächlich mit ihrer späteren Fahrleistung zusammen.
So kann ein regelrechter Kreislauf entstehen:
„Frauen fahren schlecht“ → Angst, das Vorurteil zu bestätigen → zusätzliche mentale Belastung → mehr Fehler → „Siehst du, Frauen fahren schlecht.“
Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Vorurteil zwangsläufig die Leistung jeder Frau verschlechtert. Die Studien zeigen aber etwas Entscheidendes: Ein gesellschaftliches Klischee kann unter bestimmten Bedingungen selbst dazu beitragen, das Verhalten hervorzurufen, das anschließend scheinbar als Beweis für dieses Klischee dient.
Vielleicht sitzt die „Frau am Steuer“ also manchmal gar nicht allein im Auto.
Das Vorurteil fährt mit.
Quellen:
🔗 Stereotype Threat erhöht bei Frauen das Kollisionsrisiko im Fahrsimulator (Yeung & von Hippel, Accident Analysis & Prevention, 2008)
🔗 Women drive better if not stereotyped – Auswirkungen des Stereotyps auf die Fahrleistung (Moè, Cadinu & Maass, Accident Analysis & Prevention, 2015)
Wenn Männer glauben, die besseren Fahrer zu sein
Das Vorurteil „Frau am Steuer“ wirkt nicht nur auf Frauen. Denn in der Behauptung „Frauen fahren schlechter“ steckt automatisch eine zweite Botschaft:
Männer fahren besser.
Und auch diese Erwartung kann Folgen haben.
Untersuchungen zur Selbsteinschätzung beim Autofahren zeigen, dass insbesondere junge Männer ihre eigenen Fähigkeiten tendenziell optimistischer beurteilen. In einer Studie mit 18- bis 24-Jährigen hielten sich zwar Frauen und Männer für überdurchschnittlich gute Fahrer – bei der Einschätzung des eigenen fahrerischen Könnens waren Männer jedoch deutlich optimistischer. Gleichzeitig bewerteten sie riskante Fahrweisen teilweise als weniger schwerwiegend.
Selbstvertrauen ist am Steuer durchaus hilfreich. Problematisch wird es, wenn daraus Selbstüberschätzung wird.
Denn wer überzeugt ist, ein besonders guter Fahrer zu sein, kann höhere Geschwindigkeit, knappes Überholen oder andere riskante Manöver möglicherweise eher als Ausdruck von Fahrzeugbeherrschung betrachten – statt als zusätzliches Risiko.
Hinzu kommt eine zweite Ebene: Autofahren ist kulturell eng mit Vorstellungen von Männlichkeit verbunden. Geschwindigkeit, leistungsstarke Autos, Mut und Risikobereitschaft können dazu dienen, Männlichkeit zu demonstrieren.
Eine Studie mit jungen Autofahrern untersuchte deshalb nicht nur das biologische Geschlecht, sondern ausdrücklich die Orientierung an traditionellen männlichen Rollenbildern. Das Ergebnis: Eine stärkere Ausprägung von Männlichkeit war mit mehr Verkehrsverstößen sowie aggressiverem und regelverletzendem Fahrverhalten verbunden.
Noch deutlicher wird der Zusammenhang in einer Untersuchung mit ausschließlich männlichen Autofahrern: Männer mit stärker ausgeprägter „Macho“-Orientierung berichteten häufiger aggressives Fahrverhalten. Ihnen waren bei der Auswahl eines Autos außerdem Geschwindigkeit und Sportlichkeit wichtiger und Sicherheitsaspekte weniger wichtig.
Und offenbar kann sogar die Situation eine Rolle spielen. In einem Experiment wurde bei einem Teil der Männer gezielt das Gefühl ausgelöst, ihre Männlichkeit sei infrage gestellt worden. Anschließend reagierten diese Männer auf hypothetische Verkehrssituationen mit mehr Ärger als Männer, deren Männlichkeit zuvor nicht infrage gestellt worden war.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Männer aggressiv fahren, weil sie Männer sind. Die Forschung weist vielmehr auf etwas Interessanteres hin: Bestimmte Vorstellungen davon, wie ein Mann sein sollte, können riskantes Verhalten am Steuer begünstigen.
Damit bekommt das Klischee von der „Frau am Steuer“ eine überraschende Kehrseite.
Während Frauen vermittelt werden kann, sie müssten an ihrem fahrerischen Können zweifeln, kann Männern vermittelt werden, gutes Autofahren bedeute Souveränität, Schnelligkeit und Risikobereitschaft.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, was das Vorurteil mit Frauen macht.
Sondern auch, was es Männern erlaubt, über sich selbst zu glauben.
Quellen:
🔗 Geschlechtsunterschiede bei Selbsteinschätzung und Risikowahrnehmung im Straßenverkehr (Accident Analysis & Prevention, 1992)
🔗 Geschlechterrollen, Männlichkeit und riskantes Fahrverhalten (Aggressive Behavior, 2005)
🔗 Macho-Persönlichkeit und aggressives Fahrverhalten (Aggressive Behavior, 2002)
🔗 Bedrohung der Männlichkeit und aggressives Fahrverhalten (Psychology of Men & Masculinity, 2018)
Wer fährt in der Partnerschaft – und wer sitzt daneben?
Ein Paar steigt gemeinsam ins Auto. Beide haben einen Führerschein, beide können fahren. Wer setzt sich ans Steuer?
Diese scheinbar nebensächliche Entscheidung kann erstaunlich viel über Gewohnheiten und Rollenverteilungen innerhalb einer Partnerschaft erzählen.
Untersuchungen zur Mobilität zeigen, dass Männer und Frauen ein vorhandenes Familienauto nicht automatisch gleich nutzen. Eine deutsche Studie auf Grundlage des Deutschen Mobilitätspanels von 1994 bis 2008 untersuchte Haushalte, in denen mehr Menschen einen Führerschein besaßen als Autos vorhanden waren. Besonders deutlich war der Unterschied dort, wo sich mehrere Personen ein Fahrzeug teilen mussten: Männer legten 56,6 % ihrer Wege selbst am Steuer zurück, Frauen 36,5 %.
Interessanterweise ließen sich diese Unterschiede nicht einfach dadurch erklären, dass derjenige mit dem höheren Einkommen das Auto bekam. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass Aufgabenverteilung im Haushalt und Geschlechterrollen ebenfalls mitbestimmen, wer das Auto nutzt.
Auch die Gewohnheiten der Partner hängen miteinander zusammen. Eine weitere Untersuchung mit Daten von 958 Paaren aus dem Deutschen Mobilitätspanel zeigte, dass sich die Verkehrsmittelwahl von Partnerinnen und Partnern über die Zeit gegenseitig beeinflusst. Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass auch soziale Normen innerhalb eines Haushalts eine Rolle spielen.
Das macht die alltägliche Frage „Wer fährt?“ interessanter, als sie zunächst erscheint.
Wenn bei gemeinsamen Fahrten immer wieder derselbe Partner selbstverständlich auf dem Fahrersitz landet, sammelt dieser auch mehr Fahrpraxis. Der andere sitzt häufiger daneben. Über Jahre können sich dadurch unterschiedliche Routinen entwickeln.
Und hier kann das Klischee „Frau am Steuer“ zusätzlich wirken: Wenn ohnehin erwartet wird, dass der Mann der souveränere Fahrer sei, kann es selbstverständlich erscheinen, dass er fährt – selbst wenn seine Partnerin genauso lange einen Führerschein besitzt.
Allerdings wäre es zu einfach, daraus zu schließen, dass Frauen grundsätzlich schlechteren Zugang zum Familienauto haben. Neuere Forschung zeigt nämlich, dass die Verteilung stark davon abhängt, wofür das Fahrzeug im jeweiligen Haushalt benötigt wird. In einer US-amerikanischen Untersuchung von Paaren mit nur einem gemeinsamen Auto hatten Frauen sogar häufiger exklusiven Zugriff darauf – insbesondere, wenn sie einen größeren Teil der Haushalts- und Versorgungswege übernahmen.
Das ist nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass traditionelle Rollen verschwunden sind. Es kann auch das Gegenteil bedeuten: Sie fährt häufiger, weil sie Kinder bringt, einkauft und andere Familienaufgaben erledigt.
Deshalb lohnt sich bei Paaren vielleicht eine andere Frage als nur:
„Wer fährt besser?“
Spannender ist:
Wer fährt wann – wer entscheidet darüber – und warum ist diese Aufteilung für beide eigentlich selbstverständlich geworden?
Quellen:
🔗 Geschlechtsspezifische Autonutzung in deutschen Haushalten (Journal of Transport Geography, 2012)
🔗 Wer nutzt das gemeinsame Auto? Geschlecht und Aufteilung der Autonutzung in Paarhaushalten (Transportation Research Part A, 2022)
Fahren Frauen tatsächlich schlechter als Männer?
Nach all den Vorurteilen kommen wir zur entscheidenden Frage:
Ist an „Frau am Steuer“ vielleicht doch etwas dran? Fahren Frauen tatsächlich schlechter als Männer?
Die Unfallstatistik liefert dafür keine Grundlage. Im Gegenteil: Besonders dort, wo riskantes Fahrverhalten eine Rolle spielt, schneiden Männer deutlich schlechter ab.
Das Statistische Bundesamt untersucht regelmäßig das Unfallgeschehen von Frauen und Männern. Dabei zeigt sich ein bemerkenswert stabiles Muster: Männer sind bei Unfällen mit Personenschaden häufiger die Hauptverursacher als Frauen.
Besonders deutlich werden die Unterschiede bei riskanten Verhaltensweisen. Männer fallen häufiger durch nicht angepasste Geschwindigkeit, Alkohol, riskantes Überholen und zu geringen Abstand auf.
Und genau diese Verhaltensweisen sind entscheidend, wenn es um schwere Unfälle geht. Überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit war 2024 in Deutschland die häufigste Ursache tödlicher Verkehrsunfälle: 30 Prozent aller Verkehrstoten starben bei Unfällen, bei denen mindestens eine beteiligte Person zu schnell gefahren war.
Das stellt unser kulturelles Bild vom „guten Fahrer“ ziemlich auf den Kopf.
Denn möglicherweise wird ausgerechnet ein Verhalten, das objektiv das Unfallrisiko erhöht, gesellschaftlich manchmal als fahrerische Souveränität wahrgenommen: schnell fahren, entschlossen überholen, dicht auffahren, eine schwierige Verkehrssituation „noch schaffen“.
Vorsichtigeres Verhalten kann dagegen als Unsicherheit erscheinen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Frauen grundsätzlich besser fahren. Frauen verursachen ebenfalls Unfälle und machen Fehler. Und ein fairer Vergleich muss berücksichtigen, dass Männer und Frauen nicht unbedingt gleich viele Kilometer fahren, unterschiedliche Strecken zurücklegen und sich auch Alter und Fahrzeugnutzung unterscheiden.
Deshalb wäre auch die umgekehrte Behauptung „Frauen sind die besseren Autofahrer“ zu einfach.
Was die Statistiken aber sehr wohl zeigen, ist etwas anderes:
Es gibt keinen sachlichen Grund, ausgerechnet weibliches Geschlecht mit mangelnder Fahrkompetenz gleichzusetzen.
Wenn überhaupt, müsste unsere Vorstellung davon, was einen „guten Fahrer“ ausmacht, hinterfragt werden. Ist es wirklich derjenige, der schnell und scheinbar souverän fährt?
Oder vielleicht derjenige, der Gefahren früh erkennt, genügend Abstand hält, auf ein riskantes Überholmanöver verzichtet – und sicher ankommt?
Vielleicht liegt genau hier einer der Gründe, warum das Klischee „Frau am Steuer“ so irreführend ist:
Vorsicht sieht manchmal weniger beeindruckend aus als Risiko. In der Unfallstatistik kann sie sich trotzdem als die bessere Strategie erweisen.
Quellen:
🔗 Unfälle von Frauen und Männern im Straßenverkehr (Statistisches Bundesamt)
🔗 Hauptverursacher von Verkehrsunfällen nach Geschlecht – GENESIS-Online (Statistisches Bundesamt)
🔗 Verkehrsunfälle in Deutschland 2024 (Statistisches Bundesamt)
Warum hält sich „Frau am Steuer“ trotzdem?
Wenn Unfallstatistiken Frauen keineswegs als die gefährlicheren Autofahrerinnen ausweisen – warum hält sich das Klischee „Frau am Steuer“ dann so hartnäckig?
Ein Grund liegt darin, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet. Wir nehmen die Welt nicht vollkommen neutral wahr. Besonders leicht bemerken und erinnern wir uns an Ereignisse, die zu dem passen, was wir ohnehin schon erwarten. Psychologen sprechen dabei unter anderem vom Bestätigungsfehler.
Wer überzeugt ist, Frauen könnten schlecht einparken, registriert die Frau, die dreimal zurücksetzen muss, besonders aufmerksam. Parkt sie dagegen souverän in eine enge Lücke, ist das kaum bemerkenswert. Und wenn ein Mann dreimal korrigiert? Dann hat eben dieser Mann gerade Schwierigkeiten beim Einparken.
Bei der Frau bestätigt der Fehler das Geschlecht. Beim Mann bleibt er ein individueller Fehler.
Genau darin liegt die besondere Macht eines Stereotyps: Ein einzelner Mensch wird nicht mehr nur als Individuum wahrgenommen, sondern als Vertreter einer ganzen Gruppe.
Hinzu kommt, dass das Vorurteil kulturell ständig weitergegeben wird. Der Spruch „Frau am Steuer“, Witze über einparkende Frauen oder Bemerkungen über vermeintlich fehlendes technisches Verständnis sorgen dafür, dass das Klischee auch Menschen kennen, die seine Herkunft überhaupt nicht kennen.
Wie früh das geschieht, haben wir bereits gesehen: Kinder kennen entsprechende Vorstellungen lange vor dem eigenen Führerschein. Das Vorurteil muss also nicht aus persönlicher Erfahrung entstehen. Es wird kulturell gelernt.
Und es kann sogar von Frauen selbst übernommen und weitergegeben werden. Untersuchungen zeigen, dass Frauen stereotype Vorstellungen über weibliche Fahrerinnen ebenfalls kennen und teilweise verinnerlichen. Dann entstehen Sätze wie:
„Also ich fahre ja gut – aber viele Frauen können wirklich nicht einparken.“
Damit grenzt sich die Sprecherin zwar persönlich vom Klischee ab – bestätigt aber gleichzeitig das Vorurteil über Frauen als Gruppe.
So entsteht ein erstaunlich stabiles System:
Wir lernen das Vorurteil → wir erwarten entsprechendes Verhalten → passende Beispiele fallen uns besonders auf → Gegenbeispiele erscheinen als Ausnahme → das Vorurteil bleibt bestehen.
Das erklärt auch, warum Statistiken allein ein Klischee nicht unbedingt beseitigen.
Denn Vorurteile überleben nicht deshalb so lange, weil sie ständig objektiv überprüft werden.
Sie überleben auch deshalb, weil wir gelernt haben, die Wirklichkeit durch sie zu betrachten.
Quellen:
🔗 Zu den bereits genannten Studien über die frühe Entstehung und Weitergabe von Geschlechterstereotypen beim Autofahren.
🔗 Aktuelle Untersuchung zu Geschlechterstereotypen, Fahrkompetenz und Fahrängstlichkeit (Transportation Research Part F, 2025)
🔗 Internalisierung und Weitergabe von Geschlechterstereotypen durch Autofahrerinnen (Middle East Technical University, 2019)
Vielleicht sollten wir über Männer am Steuer sprechen?
Über Generationen wurde über die „Frau am Steuer“ gespottet. Vielleicht lohnt es sich, die Frage einmal umzudrehen:
Was sagen die Unfallzahlen eigentlich über Männer am Steuer?
Die Antwort ist bemerkenswert. Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg brachte sie 2026 sogar in einer Verkehrssicherheitskampagne auf die provokante Formel:
„Deine Mutter fährt besser als du – statistisch gesehen.“
Nach Angaben des Ministeriums werden in Baden-Württemberg rund 68 Prozent der Unfälle mit Personenschaden von Männern verursacht, gegenüber 32 Prozent von Frauen. Auch bei den tödlich Verunglückten sind Männer mit rund 70 Prozent deutlich überrepräsentiert.
Besonders auffällig sind die Unterschiede bei Verhaltensweisen, die schwere Unfälle begünstigen: zu hohe Geschwindigkeit sowie Alkohol und Drogen am Steuer. Gerade jüngere Männer fallen nach Angaben des Verkehrsministeriums überdurchschnittlich häufig durch riskantes Verhalten und Geschwindigkeitsverstöße auf.
Das passt zu dem, was wir weiter oben über Männlichkeitsvorstellungen gesehen haben. Wenn Schnelligkeit, Mut, Risikobereitschaft und Fahrzeugbeherrschung als Zeichen eines „guten Fahrers“ gelten, kann ausgerechnet gefährliches Verhalten als besondere Fahrkompetenz erscheinen.
Dabei zeigen die bundesweiten Zahlen, wie folgenreich Geschwindigkeit ist: 843 Menschen starben 2024 bei Unfällen, bei denen mindestens eine beteiligte Person zu schnell oder für die jeweiligen Bedingungen mit nicht angepasster Geschwindigkeit unterwegs war. Das waren 30 Prozent aller Verkehrstoten.
Vielleicht haben wir also jahrzehntelang über die falsche Frage gelacht.
Nicht:
„Warum können Frauen nicht Auto fahren?“
Sondern:
Warum wird vorsichtiges Fahren so leicht als mangelndes Können verspottet – während riskantes Fahren mitunter als Souveränität gilt?
Das Klischee von der „Frau am Steuer“ erzählt möglicherweise weniger darüber, wie Frauen fahren, als darüber, welches Fahrverhalten unsere Gesellschaft lange für besonders kompetent gehalten hat.
Quellen:
🔗 „Deine Mutter fährt besser als du“ – Kampagne zu männlichem Risikoverhalten (Verkehrsministerium Baden-Württemberg, 2026)
🔗 Verkehrsunfälle in Deutschland 2024 – Geschwindigkeit als häufigste Ursache tödlicher Unfälle (Statistisches Bundesamt)

Verschwindet das Klischee langsam?
Frauen am Steuer sind heute selbstverständlich – und auch das alte Vorurteil beginnt sich zu verändern. Neuere Untersuchungen zeigen, dass stereotype Vorstellungen je nach Land und gesellschaftlichem Umfeld unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Fahrkompetenz wird zunehmend als Ergebnis von Erfahrung und Training verstanden und nicht als angeborene männliche Fähigkeit.
Verschwunden ist das Klischee allerdings nicht. Wie bereits weiter oben gezeigt, finden sich auch in aktuellen Untersuchungen noch die alten Zuordnungen: Fahrzeugbeherrschung und fahrerisches Können werden eher mit Männern verbunden, Vorsicht und Fahrängstlichkeit eher mit Frauen.
Vielleicht wandelt sich also weniger die Existenz des Vorurteils als seine Form: Die Frau gilt heute nicht mehr selbstverständlich als grundsätzlich unfähig zum Autofahren – aber Vorsicht wird noch immer leichter als weibliche Unsicherheit interpretiert, während männliches Selbstvertrauen als Kompetenz erscheinen kann.
Das Klischee „Frau am Steuer“ verändert sich. Ganz aus dem Verkehr gezogen ist es noch lange nicht.
Quellen:
🔗 Aktuelle Studie zu Geschlechterstereotypen und Fahrkompetenz (Transportation Research Part F, 2025)
🔗 Frauen, Männer und Geschlechterstereotype beim Autofahren in Frankreich und der Türkei (Research in Transportation Economics, 2025)
🔗 Frauen im Straßenverkehr und fortbestehende Geschlechterstereotype (Women’s Studies International Forum, 2023)
Wenn Autofahren tatsächlich zum Kampf um Freiheit wird
Was bei uns Stoff für einen sexistischen Witz war, konnte anderswo eine ganz andere Bedeutung haben: Selbst am Steuer zu sitzen, wurde zum sichtbaren Zeichen weiblicher Selbstbestimmung.
Frauen in Saudi-Arabien kämpften jahrzehntelang für dieses Recht. Einige riskierten dafür Festnahmen und berufliche Nachteile.
Wie weit dieser Kampf ging und was Frauen auf sich nahmen, nur um selbst Auto fahren zu dürfen:
Es ist doch nur zu ihrem Besten!
Auf Merah sind es die Männer, denen erklärt wird, warum bestimmte Freiheiten eigentlich gar nicht so wichtig für sie sind.
Männer dürfen keine Rikschas benutzen. Aber ist das wirklich eine Einschränkung? Schließlich ist Laufen gesund, hält fit und sorgt dafür, dass ein Mann seinen attraktiven Körper behält. Man könnte fast meinen, die Regel sei zu seinem eigenen Besten.
Genau darin steckt eine Parallele zu vielen historischen Einschränkungen von Frauen: Sie wurden selten nur mit einem schlichten „Das dürft ihr nicht“ begründet. Stattdessen wurde ihnen erklärt, bestimmte Tätigkeiten seien nicht für sie geeignet, zu gefährlich, zu anstrengend oder widersprächen ihrer vermeintlichen Natur. Auch beim Autofahren wurden Frauen mangelndes technisches Verständnis, Unsicherheit und fehlende Eignung zugeschrieben.
Auf Merah funktioniert dieser Mechanismus mit umgekehrten Vorzeichen.
Besonders deutlich wird das bei der Magie. Frauen gelten als von Natur aus magisch begabter. Männer erleben von klein auf, dass Frauen selbstverständlich mehr können – und trauen sich selbst entsprechend weniger zu.
Aber wie viel davon ist tatsächlich Natur – und wie viel entsteht, weil eine Gesellschaft ihren Männern immer wieder erzählt, was sie können und was nicht?
Das ist eine der Fragen, mit denen „Merah – Welt der Frauen“ spielt: Was geschieht, wenn wir vertraute Begründungen und Vorurteile einfach dem anderen Geschlecht überstülpen?
Manches klingt plötzlich erstaunlich bekannt.
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