Internalisierter Sexismus– Warum Frauen ein unterdrückendes System oft selbst mittragen

 

Internalisierter Sexismus beschreibt den Prozess, durch den Frauen gesellschaftliche Rollenbilder, Erwartungen und Abwertungen übernehmen und schließlich selbst mittragen – oft unbewusst und tief in den eigenen Alltag integriert.

Was internalisierter Sexismus bedeutet

Internalisierter Sexismus beschreibt den Prozess, bei dem Frauen gesellschaftliche Vorstellungen, Erwartungen und Abwertungen gegenüber Frauen übernehmen und teilweise selbst weitertragen.

Die Vorstellungen darüber, wie Frauen „sein sollten“, entstehen nicht isoliert. Sie werden über Familie, Schule, Medien, Beziehungen und Kultur vermittelt und oft über lange Zeit verinnerlicht.

Dadurch können Rollenbilder und Normen entstehen, die vielen Menschen selbstverständlich oder „natürlich“ erscheinen, obwohl sie gesellschaftlich geprägt sind.

Mädchen lernen früh, sich anzupassen

Dreiteilige Karikatur über internalisierten Sexismus: Links ein fröhliches kleines Mädchen, auf das Sätze wie „Sei nicht so laut!“ und „Sei nicht so frech!“ einprasseln. In der Mitte ein schüchternes jugendliches Mädchen mit Kommentaren zu Aussehen und Kleidung wie „Zu viel Make-up ist billig“ oder „Pass auf, was du anziehst!“. Rechts eine ernste junge Frau im Berufsleben, umgeben von Aussagen wie „Lächel doch!“ und „Pass auf, dass du nicht arrogant rüberkommst!“. Die Sprüche kommen in allen drei Bildern von allen Seiten auf die Figuren zu.

Gesellschaftliche Rollenbilder entstehen nicht zufällig. Menschen lernen schon früh, welches Verhalten als „weiblich“ oder „männlich“ gilt und welche Erwartungen damit verbunden sind.

Forschung zur Sozialisation zeigt, dass Kinder geschlechtsspezifische Erwartungen oft bereits im Vorschulalter wahrnehmen und übernehmen.

Im Kindergartenalter erhalten Mädchen häufiger positive Rückmeldungen zu Verhalten, Freundlichkeit oder sozialer Anpassung. Jungen werden dagegen häufiger mit Aktivität, Durchsetzungsfähigkeit oder Mut verbunden.

Später in der Schule verstärken sich viele dieser Muster:
Mädchen lernen oft, angenehm zu wirken, Konflikte zu vermeiden und „nicht negativ aufzufallen“. Gleichzeitig erleben viele früh starken sozialen Druck in Bezug auf Aussehen, Beliebtheit und Außenwirkung.

In der Jugend kommen zusätzliche Erwartungen hinzu:
attraktiv sein, aber nicht „zu auffällig“ wirken; selbstbewusst auftreten, aber nicht dominant erscheinen; erfolgreich sein, ohne als arrogant wahrgenommen zu werden.

Solche widersprüchlichen Anforderungen begleiten viele Frauen bis ins Erwachsenenalter und prägen häufig das eigene Selbstbild.

Quellen:
🔗 https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1195451
Frontiers in Psychology (2023): Gender stereotypes and socialization processes.
🔗 https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.1986.tb00202.x
Fagot, B. I. (1985). Changes in thinking about early sex role development. Child Development. processes.

Der patriarchale „Deal“: Warum Anpassung Vorteile versprechen kann

In vielen Gesellschaften lohnt sich Anpassung für Frauen zumindest kurzfristig. Wer gesellschaftliche Erwartungen erfüllt, wird häufig eher akzeptiert, geschützt oder sozial belohnt.

Die Politikwissenschaftlerin Deniz Kandiyoti beschrieb dieses Muster als „patriarchal bargain“ – einen patriarchalen „Deal“. Frauen passen sich dabei an bestehende Rollenbilder an, weil ihnen das innerhalb des Systems Vorteile verschaffen kann:
Anerkennung, finanzielle Sicherheit, soziale Zugehörigkeit oder ein geringeres Risiko von Ausgrenzung.

Dadurch werden gesellschaftliche Strukturen oft nicht nur von Männern aufrechterhalten, sondern auch von Frauen selbst weitergegeben – etwa in Familien, Beziehungen oder bei der Erziehung von Kindern.

Der Mechanismus wird durch die Unterstützung von Frauen besonders wirksam, weil Anpassung  häufig vernünftig, sicher oder sogar freiwillig erscheint.

Quelle:
🔗 https://www.jstor.org/stable/190357
Deniz Kandiyoti (1988): Bargaining with Patriarchy, Gender & Society.

Warum Frauen andere Frauen oft strenger bewerten

Internalisierter Sexismus zeigt sich nicht nur im eigenen Selbstbild. Gesellschaftliche Erwartungen werden häufig auch an andere Frauen weitergegeben.

Frauen bewerten andere Frauen oft besonders kritisch in Bereichen wie Aussehen, Sexualität, Mutterschaft, Auftreten oder Verhalten. Eigenschaften, die bei Männern als selbstbewusst oder erfolgreich gelten, werden bei Frauen schneller als arrogant, aggressiv oder unsympathisch wahrgenommen.

Forschung zeigt, dass Menschen gesellschaftliche Normen oft unbewusst übernehmen und selbst mit durchsetzen. Dadurch entsteht sozialer Druck nicht nur von Männern, sondern auch innerhalb weiblicher Gruppen.

Besonders sichtbar wird das zum Beispiel bei:

  • Bewertung von Kleidung oder Make-up
  • Konkurrenz um gesellschaftliche Anerkennung
  • Kritik an „zu ehrgeizigen“ Frauen
  • Abwertung weiblicher Sexualität
  • Erwartungen an Mutterschaft oder Fürsorge

Quelle:
🔗 https://doi.org/10.1177/0361684318769693
Bearman, S., Korobov, N. & Thorne, A. (2009/2019): The Fabric of Internalized Sexism. Psychology of Women Quarterly.

Mehrere Frauen stehen nebeneinander und mustern sich gegenseitig kritisch. Über ihren Köpfen schweben Gedankenblasen mit Bewertungen wie „zu viel Make-up“, „zu dominant“, „Rabenmutter“, „pick me“, „zu still“, „zu freizügig“, „verbittert“ und „karrierefixiert“.

Hier kann jede von uns selber etwas tun!

Lass andere Frauen sein, wie sie sind!

Werte andere Frauen nicht ab!

Objektifizierung: Wenn Frauen lernen, sich selbst von außen zu betrachten

Viele Frauen lernen früh, ihren eigenen Körper nicht nur aus der eigenen Perspektive wahrzunehmen, sondern auch durch die Augen anderer.

Die Psychologie bezeichnet diesen Mechanismus als Objektifizierung. Dabei wird der weibliche Körper gesellschaftlich besonders stark bewertet, beobachtet und kommentiert – etwa hinsichtlich Attraktivität, Gewicht, Kleidung, Alter oder Sexualität.

Forschung zeigt, dass viele Frauen dadurch beginnen, sich selbst ständig mit zu beobachten:
Wie wirke ich auf andere?
Sehe ich attraktiv genug aus?
Wirke ich zu alt, zu dick, zu auffällig oder nicht feminin genug?

Diese dauerhafte Selbstbeobachtung wird auch als „Self-Objectification“ bezeichnet. Sie kann dazu führen, dass Frauen sich stärker über ihr Aussehen definieren und den eigenen Körper häufiger bewerten oder kontrollieren.

Besonders verstärkt wird dieser Druck durch Werbung, soziale Medien, Schönheitsideale und die ständige Sichtbarkeit weiblicher Körper im öffentlichen Raum.

Objektifizierung beeinflusst nicht nur das Körperbild, sondern oft auch Selbstwertgefühl, Schamgefühle und das Gefühl, ständig bewertet zu werden.

Quelle:
🔗 https://doi.org/10.1111/j.1471-6402.1997.tb00108.x
Fredrickson, B. L. & Roberts, T.-A. (1997): Objectification Theory: Toward Understanding Women’s Lived Experiences and Mental Health Risks. Psychology of Women Quarterly.

Internalisierter Sexismus in Medien, Werbung und Social Media

Medien prägen maßgeblich, welche Vorstellungen von Weiblichkeit als attraktiv, erfolgreich oder „normal“ gelten. Filme, Werbung, Reality-TV, Magazine und soziale Netzwerke vermitteln täglich Bilder davon, wie Frauen aussehen, sprechen und sich verhalten sollten.

Besonders soziale Medien verstärken diesen Druck häufig:
Frauen werden dort ständig bewertet, verglichen und kommentiert – durch Likes, Kommentare, Filter, Trends oder Schönheitsideale.

Dabei entstehen oft widersprüchliche Erwartungen:
Frauen sollen attraktiv sein, aber nicht „zu künstlich“ wirken; selbstbewusst auftreten, aber nicht arrogant erscheinen; sexy sein, aber nicht „zu freizügig“.

Viele dieser Bewertungen werden mit der Zeit verinnerlicht. Frauen beginnen, sich selbst permanent mit anderen zu vergleichen und den eigenen Körper, das eigene Verhalten oder den eigenen Lebensstil kritisch zu beobachten.

Werbung und Social Media verstärken außerdem bestimmte Rollenbilder:
die perfekte Mutter, die erfolgreiche Karrierefrau, die makellose Influencerin oder die stets junge und attraktive Frau.

Dadurch entsteht leicht der Eindruck, niemals gut genug zu sein – unabhängig davon, wie Frauen tatsächlich aussehen oder leben.

Social Media verstärkt heute allerdings auch bei Männern: Körperdruck, Fitnessideale, Unsicherheiten und Selbstvergleich. Dennoch zeigen viele Studien: Frauen sind insgesamt stärker von sexualisierter Darstellung, Körperbewertung und Selbstobjektifizierung betroffen.

Quelle:
🔗 https://doi.org/10.1177/14614448211044684
Vendemia, M. A. & DeAndrea, D. C. (2021): The effects of engaging with thin-ideal social media content on body image and self-objectification. New Media & Society.

🔗 https://doi.org/10.1016/j.bodyim.2015.09.001
Daniel, S. & Bridges, S. (2010/2015): Forschung zu Körperbild und Selbstobjektifizierung bei Männern und Frauen.

Beruf, Beziehungen und Selbstwert: Die unsichtbaren Folgen

Internalisierter Sexismus beeinflusst nicht nur einzelne Gedanken oder Verhaltensweisen. Er kann sich langfristig auf Beruf, Beziehungen und das eigene Selbstwertgefühl auswirken.

Im Berufsleben zeigen Studien, dass Frauen ihre Fähigkeiten häufiger unterschätzen, sich zurückhaltender präsentieren oder stärker an ihrer Leistung zweifeln. Gleichzeitig werden Frauen oft strenger bewertet, wenn sie selbstbewusst, ehrgeizig oder durchsetzungsstark auftreten.

Dadurch entsteht ein ständiger Balanceakt:
kompetent wirken, ohne „zu dominant“ zu erscheinen; freundlich bleiben, ohne übergangen zu werden.

Auch in Beziehungen spielen gesellschaftliche Rollenbilder häufig eine Rolle. Viele Frauen übernehmen weiterhin einen größeren Anteil an emotionaler Arbeit, Fürsorge oder organisatorischer Verantwortung – oft unbewusst und selbst dann, wenn beide Partner Gleichberechtigung grundsätzlich befürworten.

Internalisierte Erwartungen können außerdem Schuldgefühle erzeugen:
etwa bei beruflichem Erfolg, Kinderlosigkeit, sexueller Selbstbestimmung oder dem Wunsch nach Abgrenzung und eigenen Bedürfnissen.

Langfristig kann dieser dauerhafte Anpassungsdruck das Selbstwertgefühl beeinflussen. Viele Frauen erleben das Gefühl, gleichzeitig zu viel und nie genug zu sein.

Besonders belastend ist dabei, dass viele dieser Mechanismen gesellschaftlich normalisiert wirken und deshalb oft nicht als strukturelles Problem erkannt werden.

Quellen:
🔗 https://doi.org/10.1037/0033-2909.111.2.267
Bussey, K. & Bandura, A. (1992): Social cognitive theory of gender development and differentiation.

🔗 https://hbr.org/2014/08/why-women-dont-apply-for-jobs-unless-theyre-100-qualified
Harvard Business Review (2014): Why Women Don’t Apply for Jobs Unless They’re 100% Qualified.🔗 https://doi.org/10.1037/apl0000240
Exley, C. L. & Kessler, J. B. (2019): The Gender Gap in Self-Promotion. Psychological Bulletin / Journal of Applied Psychology.

🔗 https://doi.org/10.1111/jomf.12603
Journal of Marriage and Family (2019): Forschung zu emotionaler Arbeit und ungleicher Verteilung von Care-Arbeit in Beziehungen.

Warum viele Frauen Unterdrückung nicht erkennen

Viele Frauen erleben gesellschaftliche Benachteiligung nicht als bewusste Unterdrückung, weil sie gleichzeitig auch positive Erfahrungen innerhalb des Systems machen können:
Anerkennung, Zugehörigkeit, Beziehungen, soziale Sicherheit oder das Gefühl, „alles richtig“ zu machen.

Dadurch entsteht oft kein klares Bild von Unterdrückung als etwas eindeutig Fremdes oder Feindliches. Gesellschaftliche Erwartungen sind häufig eng mit Liebe, Lob, Erfolg, Attraktivität oder sozialer Akzeptanz verbunden.

Hinzu kommt:
Viele Frauen vergleichen ihre Situation nicht mit echter Gleichberechtigung, sondern mit extremeren Formen von Unterdrückung. Solange keine offene Gewalt oder offensichtigen Verbote sichtbar sind, erscheinen subtilere Einschränkungen oft weniger problematisch.

Deshalb wird gesellschaftlicher Druck häufig individualisiert:
Probleme erscheinen als persönliches Versagen, Unsicherheit oder falsche Entscheidungen statt als Teil größerer gesellschaftlicher Muster.

Zwischen freier Entscheidung und gesellschaftlichem Druck

Gesellschaftlicher Einfluss bedeutet nicht, dass Frauen keine eigenen Entscheidungen treffen können. Menschen handeln niemals vollständig losgelöst von ihrer Umgebung, ihren Erfahrungen oder gesellschaftlichen Erwartungen — unabhängig vom Geschlecht.

Auch traditionelle Rollen, bestimmte Lebensmodelle oder Schönheitsideale können bewusst und freiwillig gewählt werden. Problematisch wird es vor allem dann, wenn gesellschaftlicher Druck so stark wirkt, dass bestimmte Entscheidungen als selbstverständlich, alternativlos oder moralisch überlegen erscheinen.

Die Grenze zwischen persönlichem Wunsch und sozialer Prägung ist deshalb oft nicht eindeutig. Viele Entscheidungen entstehen innerhalb gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die Menschen beeinflussen, ohne dass ihnen dies immer bewusst ist.

Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit internalisiertem Sexismus komplex:
Es geht nicht darum, einzelne Frauen für ihre Entscheidungen zu verurteilen, sondern gesellschaftliche Mechanismen sichtbar zu machen, die diese Entscheidungen mitprägen können.

Was kann ich tun?

Der erste Schritt ist oft, gesellschaftliche Erwartungen überhaupt zu erkennen.

Warum entschuldige ich mich ständig?
Warum habe ich Angst, „zu viel“ zu sein?
Warum bewerte ich mich selbst so streng?

Internalisierter Sexismus verschwindet nicht über Nacht. Veränderung beginnt häufig dort, wo Frauen anfangen, sich selbst mit mehr Freiheit, Mitgefühl und weniger gesellschaftlichem Druck zu betrachten.

Auch der ehrliche Austausch zwischen Frauen kann helfen: Erfahrungen teilen, Muster erkennen und sich gegenseitig weniger streng zu beurteilen.

Bezug zum Roman "Merah - Welt der Frauen"

Yolu hatte nie einen Grund, das System infrage zu stellen. Innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung von Merah gehörte er zu den privilegierten Männern: angesehen, geschützt und erfolgreich. Dass Männer grundsätzlich benachteiligt sein könnten, erschien ihm lange unvorstellbar. Vielleicht beginnt sich das nun zu verändern — seit er die Erdlinge mit ihren fremden Vorstellungen von Freiheit, Gleichberechtigung und Geschlechterrollen kennengelernt hat.

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