Care-Arbeit von Frauen – die unsichtbare Arbeit, die unseren Alltag trägt
Care-Arbeit von Frauen ist bis heute eine tragende, aber häufig unsichtbare Grundlage unseres Alltags. Kinder betreuen, Angehörige pflegen, kochen, waschen, einkaufen, begleiten und für andere sorgen: Diese Arbeit ist unverzichtbar – doch warum wird sie überwiegend von Frauen geleistet, und warum bleibt ein großer Teil davon unbezahlt?
1.) Care-Arbeit: unbezahlt, ungesehen

Ein großer Teil dieser Arbeit findet im privaten Haushalt statt und wird nicht bezahlt.
Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Aufgaben zu erledigen:
Care-Arbeit bedeutet auch, Verantwortung für das Wohlergehen anderer zu übernehmen.
Sie kostet Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit – und ist dennoch häufig weniger sichtbar und gesellschaftlich weniger anerkannt als bezahlte Erwerbsarbeit.
2.) Care-Arbeit gab es immer – aber nicht immer die Hausfrau

Menschen mussten schon immer Kinder versorgen, Kranke unterstützen, Nahrung zubereiten und füreinander sorgen. Care-Arbeit ist deshalb so alt wie die menschliche Gemeinschaft. Die Vorstellung, dass der Mann „arbeitet“, während die Frau zu Hause bleibt und sich um Haushalt und Familie kümmert, lässt sich jedoch nicht einfach auf frühere Gesellschaften übertragen.
In Jäger- und Sammlergesellschaften waren Nahrungserwerb, Herstellung von Gegenständen, Kinderbetreuung und Versorgung Teil des gemeinsamen Lebens. Frauen sammelten und verarbeiteten Nahrung, stellten Werkzeuge oder Kleidung her und waren – wie neuere archäologische und ethnografische Untersuchungen zeigen – keineswegs grundsätzlich von der Jagd ausgeschlossen. Kinder konnten während vieler Tätigkeiten mitgenommen oder von mehreren Personen betreut werden.
Auch mit der Sesshaftigkeit blieb der Haushalt lange Arbeits- und Lebensort zugleich. Auf Bauernhöfen und später in Handwerkerfamilien wurde angebaut, verarbeitet, produziert, verkauft, gekocht, gepflegt und erzogen. Frauen leisteten dabei sowohl Versorgungsarbeit als auch wirtschaftlich produktive Arbeit. Eine klare Grenze zwischen „Beruf“ und „Hausarbeit“, wie wir sie heute kennen, gab es vielfach noch nicht. Der Vater arbeitete zuhause und war dadurch stark in die Erziehung der Kinder involviert.
Deshalb ist es irreführend, sich die Frau vergangener Jahrtausende einfach als Hausfrau vorzustellen.
Frauen arbeiteten – nur waren Erwerbsarbeit, Produktion und Care-Arbeit lange viel stärker miteinander verflochten.
3.) Frauen arbeiten – aber wer verfügt über das Ergebnis?
Frauen haben auch in historischen Gesellschaften wirtschaftliche Werte geschaffen: Sie arbeiteten auf Feldern und Höfen, stellten Lebensmittel und Textilien her, verkauften Waren, arbeiteten in Handwerksbetrieben oder verdienten als Dienstbotinnen und Arbeiterinnen Geld. Gleichzeitig versorgten sie Kinder, Haushalt, Kranke und ältere Angehörige.
Doch Arbeit bedeutete nicht automatisch wirtschaftliche Selbstständigkeit. In vielen patriarchal organisierten Gesellschaften waren die Eigentums-, Erb- und Verfügungsrechte von Frauen eingeschränkt. Besonders deutlich zeigt sich das bei verheirateten Frauen: Je nach Zeit und Rechtsordnung konnte ein Ehemann über Vermögen oder sogar über den Arbeitsverdienst seiner Frau verfügen.
4.) Industrialisierung: Arbeit und Zuhause werden getrennt

Quelle: 🔗 Wikimedia Commons – Women working in a match factory
Arbeiterinnen in einer Londoner Streichholzfabrik, 1871. Erwerbsarbeit entband Frauen nicht von der Arbeit in Haushalt und Familie.
Mit der Industrialisierung veränderte sich nicht nur, wie Menschen arbeiteten, sondern auch wo. Erwerbsarbeit verlagerte sich zunehmend aus dem Haushalt in Fabriken und andere Arbeitsstätten. „Arbeit“ und „Zuhause“ wurden damit stärker voneinander getrennt.
Für Frauen verschwanden die bisherigen Aufgaben jedoch nicht. Viele Frauen der Arbeiterklasse arbeiteten außer Haus und blieben gleichzeitig für Haushalt, Kinder und Pflege zuständig. Bezahlte Erwerbsarbeit kam zur unbezahlten Arbeit hinzu.
Besonders die langen, festen Arbeitszeiten in Fabriken verschärften diese Doppelbelastung: Sie ließen sich nur schwer mit Kinderbetreuung und häuslicher Versorgung vereinbaren. Untersuchungen der britischen Industrialisierung zeigen diesen Konflikt deutlich.
Bezahlte Erwerbsarbeit wurde zunehmend der männlichen, Haushalt und Familie der weiblichen Sphäre zugerechnet. Dieses bürgerliche Ideal entsprach jedoch nicht der Lebenswirklichkeit vieler Arbeiterfamilien, die auf das Einkommen der Frauen angewiesen waren.
Die Industrialisierung machte bezahlte Erwerbsarbeit sichtbarer – während die notwendige Arbeit im Haushalt überwiegend unbezahlt blieb.
Quelle: 🔗 Joyce Burnette: Gender, Work and Wages in Industrial Revolution Britain, Cambridge University Press, 2008
DOI: 10.1017/CBO9780511495779
Quelle: 🔗 Joyce Burnette: Women Workers in the British Industrial Revolution, EH.net Encyclopedia
5. Das Ideal vom männlichen Ernährer und der Hausfrau
Mit der Industrialisierung verfestigte sich besonders im bürgerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts ein neues Ideal: Der Mann sollte als Ernährer das Einkommen erwirtschaften, während die Frau für Haushalt, Kinder und Familie zuständig war.
Seinen Höhepunkt erreichte dieses Leitbild in vielen westlichen Gesellschaften Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Hausfrau der 1950er-Jahre wurde zum Sinnbild dafür. Allerdings entsprach dieses Ideal nie der Lebenswirklichkeit aller Frauen: Besonders Frauen aus ärmeren Familien mussten häufig weiterhin zusätzlich Geld verdienen.
Die Arbeit zu Hause blieb dennoch Arbeit ohne eigenen Lohn – und machte die Hausfrau wirtschaftlich vom Einkommen ihres Partners abhängig.
Quelle: 🔗 Laura L. Frader: Gender and Labor in World History, Cambridge University Press
6. Und heute? Frauen gehen ins Berufsleben
– die Care-Arbeit bleibt
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind immer mehr Frauen erwerbstätig. Die traditionelle Arbeitsteilung zu Hause veränderte sich jedoch deutlich langsamer. Frauen übernahmen bezahlte Erwerbsarbeit, blieben aber weiterhin stärker für Haushalt, Kinder und Pflege verantwortlich.
Das zeigt sich bis heute: In Deutschland leisten Frauen täglich durchschnittlich 44,3 % mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Besonders groß ist der Unterschied bei Erwachsenen zwischen 35 und 44 Jahren – also in einer Lebensphase, in der häufig Kinder versorgt werden.
Damit verschwand die traditionelle Frauenarbeit nicht – zur unbezahlten Care-Arbeit kam für viele Frauen die Erwerbsarbeit hinzu. Die Folge ist eine Doppelbelastung, die zugleich weniger Zeit für Erholung lässt.
Quelle: 🔗 Statistisches Bundesamt – Zeitverwendung und Gender Care Gap
7. Care-Arbeit weltweit – unterschiedlich verteilt
Frauen leisten weltweit mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer – allerdings unterscheidet sich das Ausmaß erheblich. In Ländern mit gut ausgebauter Kinderbetreuung, Pflegeinfrastruktur und stärker egalitären Rollenbildern ist die Lücke meist kleiner. Besonders groß ist sie dagegen in Regionen, in denen Versorgung überwiegend als Aufgabe der Familie – und dort vor allem der Frauen – gilt.
Die großen Unterschiede zwischen Ländern zeigen: Wie Care-Arbeit verteilt wird, ist nicht einfach naturgegeben, sondern stark von gesellschaftlichen Rollenbildern und politischen Rahmenbedingungen geprägt.
Quelle: 🔗 OECD – Gender Equality in a Changing World: Unterschiede bei bezahlter und unbezahlter Arbeit
Quelle: 🔗 International Labour Organization – Unbezahlte Care-Arbeit und Arbeitsmarkt

8. Welche finanziellen Folgen hat das für Frauen?
Wenn eine Frau wegen Kinderbetreuung, Haushalt oder Pflege nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig ist, hat das Folgen, die weit über das aktuelle Einkommen hinausgehen. Obwohl Frauen insgesamt sogar etwas mehr bezahlte und unbezahlte Arbeitsstunden leisten als Männer, besteht ihre Arbeit zu einem wesentlich größeren Teil aus unbezahlter Arbeit. 2022 waren es bei Frauen fast zwei Drittel ihrer gesamten Arbeitszeit.
Das kann ganz konkret bedeuten:
- Weniger eigenes Geld und finanzielle Abhängigkeit: Wer kein oder ein deutlich geringeres eigenes Einkommen hat, kann weniger selbstständig sparen, vorsorgen oder größere finanzielle Entscheidungen treffen.
- Weniger berufliche Entwicklung: Teilzeit und längere Erwerbsunterbrechungen können Karriere- und Verdienstmöglichkeiten dauerhaft beeinträchtigen. Frauen arbeiten in Deutschland weiterhin deutlich weniger bezahlte Stunden als Männer. 2025 betrug dieser Unterschied 18 %.
- Weniger eigene Altersvorsorge: Die Folgen reichen bis ins Rentenalter. 2025 lagen die eigenen Alterseinkünfte von Frauen in Deutschland durchschnittlich 36 % unter denen von Männern, wenn Hinterbliebenenrenten nicht mitgerechnet werden.
- Größeres Risiko bei Trennung: Das gemeinsame Einkommen kann während einer Partnerschaft die tatsächliche Ungleichheit verdecken. Fällt das Einkommen des Partners durch Trennung weg, bleiben die Folgen der eigenen geringeren Erwerbstätigkeit bestehen.
Während die Arbeit geteilt wird, werden Einkommen, berufliche Chancen und Altersvorsorge nicht automatisch mitgeteilt. Und genau darin liegt ein langfristiges Problem: Eine partnerschaftliche Arbeitsteilung kann sich heute fair anfühlen, während ihre wirtschaftlichen Folgen erst Jahre oder Jahrzehnte später sichtbar werden.
Quelle: 🔗 Statistisches Bundesamt – Zeitverwendung und Gender Care Gap
Quelle: 🔗 Statistisches Bundesamt – Gender Gap Arbeitsmarkt 2025
9. Wenn die Doppelbelastung krank macht

Erwerbsarbeit endet irgendwann – Care-Arbeit häufig nicht. Wer nach dem Beruf weiterhin für Kinder, Haushalt oder pflegebedürftige Angehörige verantwortlich ist, hat weniger Zeit für Erholung und Regeneration. Dauerhafte Mehrfachbelastung kann dadurch zu chronischem Stress und emotionaler Erschöpfung beitragen.
Besonders belastend sind eine hohe zeitliche Beanspruchung, wenig Unterstützung und das Gefühl, ständig verantwortlich sein zu müssen. Studien zu pflegenden Angehörigen zeigen erhöhte Risiken für psychische Belastungen, depressive Symptome und Erschöpfung. Da Frauen einen größeren Anteil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen, sind sie von diesen Belastungen häufiger betroffen.
Care-Arbeit macht dabei nicht automatisch krank. Entscheidend sind die Bedingungen, unter denen sie geleistet wird: Umfang, Dauer, Unterstützung, eigene Entscheidungsmöglichkeiten und ausreichend Zeit zur Erholung.
Quelle: 🔗 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – Informationen zur Gesundheit pflegender Angehöriger
Quelle: 🔗 Robert Koch-Institut – Gesundheit pflegender Angehöriger
Roman "Merah - Welt der Frauen"
- wenn Männer Sorge tragen
In Merah ist Care-Arbeit Männersache. Doch dort käme niemand auf die Idee, einen Mann damit allein zu lassen. Kinder, Haushalt und Pflege werden unter mehreren Männern aufgeteilt – ebenso selbstverständlich wie das Recht jedes Einzelnen auf Freizeit.

