Frauen am Steuer? Warum Autofahren für Frauen zum Kampf um Freiheit wurde

Frauen am Steuer? Warum Autofahren für Frauen zum Kampf um Freiheit wurde

Frauen am Steuer? Autofahren – Kampf um Freiheit

Was heute selbstverständlich klingt, war für Frauen in Saudi-Arabien jahrzehntelang Realität. Bis 2018 konnten sie nicht einfach ins Auto steigen und selbst zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Freunden fahren. Sie waren auf männliche Angehörige, Taxis oder bezahlte Fahrer angewiesen.

Dabei hatte das Fahrverbot eine erstaunliche Besonderheit: Zunächst gab es in Saudi-Arabien gar kein ausdrücklich formuliertes gesetzliches Verbot für Frauen, Auto zu fahren. Trotzdem wurde es gesellschaftlich und staatlich durchgesetzt. Erst der Protest mutiger Frauen führte dazu, dass das Verbot anschließend ausdrücklich institutionalisiert wurde.

47 Frauen setzen sich ans Steuer

Saudi-arabische Frau am Steuer bei einer nachgestellten Polizeikontrolle während der Protestfahrt in Riad 1990

Anhaltung und Kontrolle durch Sicherheitskräfte, Riad, 6. November 1990 (KI-generierte Rekonstruktion)

Hinweis: Von der Protestfahrt sind keine frei nutzbaren authentischen Fotografien bekannt. Diese KI-generierte Illustration orientiert sich an zeitgenössischen Berichten über Ort, Tageszeit, Kleidung und Fahrzeuge; die dargestellten Personen und die konkrete Kontrollsituation sind nicht historisch dokumentiert.

Am 6. November 1990 geschah in Riad etwas Außergewöhnliches: 47 überwiegend berufstätige und gut ausgebildete Frauen setzten sich ans Steuer und fuhren gemeinsam durch die saudische Hauptstadt. Einige besaßen Führerscheine, die sie im Ausland erworben hatten.

Sie protestierten gegen ein Verbot, das zwar gesellschaftlich und staatlich durchgesetzt wurde, zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ausdrücklich gesetzlich festgeschrieben war.

Die Reaktion war drastisch: Die Frauen wurden festgenommen. Ihre männlichen Vormunde mussten zusichern, dass sie nicht erneut fahren würden. Pässe wurden eingezogen und Teilnehmerinnen von ihren Stellen im öffentlichen Dienst suspendiert – darunter auch Universitätsprofessorinnen.

Und dann geschah etwas Bemerkenswertes: Erst nach diesem Protest wurde das zuvor faktische Fahrverbot ausdrücklich zur staatlichen Politik. Der damalige Großmufti erklärte Autofahren für Frauen in einer Fatwa für unzulässig; anschließend erließ das Innenministerium eine entsprechende Anordnung.

Die Frauen hatten gegen ein faktisches Verbot protestiert – und als Reaktion darauf wurde dieses noch stärker institutionalisiert.

Quellen:
🔗 Saudi-Arabien und der Protest der 47 Autofahrerinnen 1990 (Human Rights Watch, World Report 1992)
🔗 Der Kampf saudischer Frauen gegen das Fahrverbot (Human Rights Watch, 2013)

Ohne Fahrer kein Weg zur Arbeit

Das Frauen-Fahrverbot in Saudi-Arabien war weit mehr als eine Vorschrift darüber, wer ein Auto lenken durfte.

Saudi-arabische Städte waren stark auf das Auto ausgerichtet. Öffentliche Verkehrsmöglichkeiten standen nur sehr begrenzt zur Verfügung. Human Rights Watch kam deshalb zu dem Schluss, dass die Kombination aus Fahrverbot und unzureichendem öffentlichem Verkehr Frauen daran hinderte, vollständig am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Wer nicht selbst fahren konnte, musste also jemanden finden, der fuhr: den Ehemann, Vater oder Bruder, einen anderen männlichen Angehörigen, einen Taxifahrer oder einen privaten Chauffeur.

Damit hing selbst ein gewöhnlicher Arbeitsweg davon ab, ob ein anderer Mensch Zeit hatte und auch einverstanden war, dass die Frau arbeitete – oder ob die Frau es sich leisten konnte, jemanden dafür zu bezahlen. Diese Abhängigkeit hatte unmittelbare Auswirkungen auf die beruflichen Möglichkeiten von Frauen. Diese Abhängigkeit hatte unmittelbare Auswirkungen auf die beruflichen Möglichkeiten von Frauen.

Die Forschenden stellten außerdem fest, dass diese Mobilitätsbeschränkungen die beruflichen Wünsche, Möglichkeiten, Entscheidungen und tatsächlichen Arbeitsmarktergebnisse von Frauen beeinflussten. Selbst nach der Aufhebung des Fahrverbots verschwanden manche familiären und gesellschaftlichen Einschränkungen nicht sofort.

Quelle:
🔗 Fahrverbot, öffentlicher Verkehr und männliche Vormundschaft in Saudi-Arabien (Human Rights Watch, 2016)

Wenn Arbeit sich kaum noch lohnt

Das Frauen-Fahrverbot in Saudi-Arabien hatte für berufstätige Frauen eine ganz konkrete finanzielle Folge: Ein großer Teil ihres Einkommens musste überhaupt erst dafür aufgewendet werden, den Arbeitsplatz zu erreichen.

Zeitgenössische Berichte sprechen bei berufstätigen Frauen teilweise von erheblichen Anteilen des Gehalts, die für private Fahrer ausgegeben wurden. Das konnte die Entscheidung, eine Arbeit anzunehmen, unmittelbar beeinflussen. Denn was nützt ein eigenes Einkommen, wenn ein großer Teil davon allein für den Arbeitsweg benötigt wird?

Besonders hart traf dies Frauen mit niedrigerem Einkommen. Für sie konnte eine Arbeitsstelle wirtschaftlich kaum noch attraktiv sein, wenn zusätzlich zu den üblichen Lebenshaltungskosten regelmäßig ein Fahrer oder Taxi bezahlt werden musste. Auch die Auswahl möglicher Arbeitsplätze wurde dadurch kleiner: Nicht nur Qualifikation und Bezahlung entschieden darüber, ob eine Frau eine Stelle annehmen konnte – sondern auch die Frage, ob und zu welchen Kosten sie überhaupt dorthin kam.

Das Fahrverbot schränkte damit nicht nur die Bewegungsfreiheit ein. Es erschwerte Frauen, eigenes Geld zu verdienen, finanziell unabhängiger zu werden und berufliche Chancen wahrzunehmen.

Wie bedeutsam dieser Zusammenhang war, zeigt auch die Forschung nach Aufhebung des Fahrverbots: Eine wissenschaftliche Studie beschreibt Mobilität ausdrücklich als einen Faktor, der die beruflichen Möglichkeiten, Entscheidungen und Arbeitsmarktergebnisse saudischer Frauen beeinflusste.

Quelle:
🔗 Mobilität, Erwerbstätigkeit und Aufhebung des Fahrverbots in Saudi-Arabien (Gender, Place & Culture, 2023)

Es ging um viel mehr als Autofahren

Wer selbst fahren kann, entscheidet selbst, wann sie das Haus verlässt, wann sie zur Arbeit fährt und wann sie wieder nach Hause kommt.

Wer nicht fahren darf, muss dagegen organisieren, fragen, warten oder bezahlen.

Frauen am Steuer? Autofahren – Kampf um Freiheit! In Saudi-Arabien war das keine plakative Überschrift, sondern für Millionen Frauen gelebte Realität. Das Fahrverbot griff unmittelbar in ihre persönliche und wirtschaftliche Selbstständigkeit ein. Es verstärkte zudem ein System, in dem Frauen ohnehin in zahlreichen Lebensbereichen von männlichen Vormündern abhängig waren.

Die Bedeutung selbstständiger Mobilität lässt sich inzwischen sogar wissenschaftlich messen. Untersuchungen nach der Aufhebung des Fahrverbots zeigen, dass ein verbesserter Zugang zum Autofahren die Erwerbstätigkeit von Frauen deutlich erhöhen kann.

Quellen:
🔗 Mobilität und Arbeitsmarktchancen saudischer Frauen (Gender, Place & Culture, 2023)
🔗 Frauen und das männliche Vormundschaftssystem in Saudi-Arabien (Human Rights Watch, 2016)

Jahrzehntelanger Widerstand

Die Frauen von 1990 blieben nicht allein.

Immer wieder widersetzten sich Frauen öffentlich dem Fahrverbot. Sie fuhren trotz des Verbots, organisierten Kampagnen und nutzten später das Internet und soziale Medien, um ihre Aktionen sichtbar zu machen.

Ab 2011 erlangte die Bewegung erneut große internationale Aufmerksamkeit. Aktivistinnen filmten sich beim Autofahren und veröffentlichten die Videos im Internet. Frauen wie Manal al-Sharif wurden zu bekannten Gesichtern des Widerstands.

Wer sich beteiligte, riskierte staatliche Repressionen. Aktivistinnen wurden festgenommen und mit Arbeits- oder Reisebeschränkungen belegt.

Quelle:
🔗 Frauenrechtsaktivistinnen und der Kampf gegen das Fahrverbot (Human Rights Watch)

2018 fällt das Frauen-Fahrverbot in Saudi-Arabien

Drei Frauen an einer saudischen Fahrschule vor einem Auto nach der Aufhebung des Fahrverbots für Frauen.

Frauen einer saudischen Fahrschule. Foto: Abdul Latif Jameel Company Ltd (ALJ), CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons.

Am 24. Juni 2018 war es schließlich so weit: Frauen durften in Saudi-Arabien offiziell selbst Auto fahren. Saudi-Arabien war bis dahin das einzige Land der Welt, das Frauen das Autofahren grundsätzlich untersagte.

Damit fiel eine der sichtbarsten Einschränkungen weiblicher Bewegungsfreiheit.

Das Ende des Fahrverbots bedeutete deshalb viel mehr, als einen Führerschein besitzen zu dürfen.

Es bedeutete, selbst zur Arbeit fahren zu können. Selbst einzukaufen. Selbst Freunde oder Familie besuchen zu können. Nicht auf einen Mann warten zu müssen. Und nicht für jede notwendige Fahrt einen Fahrer bezahlen zu müssen.

Mobilität bedeutet eben nicht nur, von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Mobilität bedeutet Freiheit.

Quelle:
🔗 Aufhebung des Fahrverbots für Frauen in Saudi-Arabien (Human Rights Watch, 2017)

Frauen am Steuer? Autofahren - Kampf um Freiheit! Galt das auch in Europa?

Thilde, Clara und Ellen Benz auf einem frühen Benz-Motorwagen.

Thilde, Clara und Ellen Benz, die Töchter von Bertha und Carl Benz, auf einem frühen Benz-Motorwagen. Historische Aufnahme, Fotograf unbekannt, Public Domain, via Wikimedia Commons.

🔗 Originalbild und Lizenznachweis – Wikimedia Commons

Interessanterweise ist von Bertha Benz’ berühmter Fernfahrt 1888 kein authentisches Foto bekannt – und auch ein historisches Foto, das sie nachweislich selbst am Steuer eines Automobils zeigt, ließ sich nicht finden. Viele heute verbreitete Bilder der Fahrt sind spätere Inszenierungen oder Filmszenen.

Auf den ersten Blick ganz anders.

Frauen waren in Deutschland nicht grundsätzlich vom Autofahren ausgeschlossen. Im Gegenteil: Bertha Benz unternahm bereits 1888 die erste automobile Fernfahrt der Geschichte.

Doch rechtliche Erlaubnis bedeutete noch lange keine gesellschaftliche Gleichstellung.

Autos waren teuer, Frauen verfügten seltener über eigenes Einkommen und Technik und Autofahren wurden zunehmend als männliche Domänen dargestellt. Wer innerhalb einer Familie über ein Auto verfügte und es hauptsächlich benutzte, hing deshalb auch von wirtschaftlichen Möglichkeiten und traditionellen Geschlechterrollen ab.

Mit der Massenmotorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg, zunehmender Erwerbstätigkeit von Frauen und veränderten Rollenbildern wurde das selbstständige Autofahren von Frauen immer selbstverständlicher.

Der Unterschied zu Saudi-Arabien ist also wesentlich: In Europa mussten Frauen kein vergleichbares allgemeines Fahrverbot überwinden. Aber auch hier begrenzten Geld, Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen lange ihre tatsächliche Mobilität.

Aber woher kommt eigentlich der Begriff „Frau am Steuer“?

Wenn Frauen grundsätzlich Auto fahren durften – warum entstand dann ausgerechnet das hartnäckige Klischee, Frauen könnten es nicht?

Historische Forschung zeigt, dass das Bild der angeblich unfähigen Autofahrerin bereits in der Frühzeit des Automobils entstand. Weibliche Mobilität stellte traditionelle Vorstellungen darüber infrage, welchen Platz Frauen in der Gesellschaft einnehmen sollten.

Quelle:
🔗 Wie das Klischee der schlechten Autofahrerin entstand (Women’s Studies International Forum, 1986)

Warum also hält sich „Frau am Steuer“ bis heute – und fahren Frauen tatsächlich schlechter als Männer?

🔗 Woher kommt eigentlich das Vorurteil „Frau am Steuer“?

Hurra – die Erde ist weiter als Merah!

Zumindest in einem Punkt haben Frauen auf der Erde den Männern in „Merah – Welt der Frauen“ etwas voraus: Sie dürfen selbst fahren.

In Merah sind es nämlich die Männer, deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. In den Rikschas dürfen sie nicht mitfahren – sie müssen laufen. Und für weite Entfernungen sind sie erst recht auf Frauen angewiesen: Nur die magisch wesentlich mächtigeren Wegbereiterinnen können Menschen über große Distanzen transportieren. Will ein Mann schnell weit weg, braucht er also Frauen – und ihre Erlaubnis.

Kommt uns das Prinzip bekannt vor?

Nur sind in Merah die Geschlechterrollen vertauscht.

Saudi-arabische Frauen dürfen seit 2018 endlich selbst fahren. Die Männer in Merah warten noch auf ihre Mobilitätsrevolution.

Wie sich eine Welt anfühlt, in der nicht Frauen, sondern Männer mit solchen Einschränkungen leben müssen?

Neugierig geworden?

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